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Eisenbahnmodelle in Fürstenwalde : Betriebsdienst in der Miniaturwelt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Einmal im Jahr setzen Modellbahner aus ganz Deutschland in Fürstenwalde für vier Tage eine Riesen-Gemeinschaftsanlage zusammen

svz.de von
erstellt am 24.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Über ein Viadukt schnauft eine Dampflokomotive mit Zementwaggons im Schlepp. Ihre Frontlichter strahlen von Weitem. Der Zug hat es eilig. Im nächsten Bahnhof wartet schon ein Lastwagen aus DDR-Produktion vom Typ W 50 an der Güterabfertigung. Über ein angrenzendes Feld zieht ein ostdeutscher ZT-Traktor seine Bahn. Männer tragen die blaue Reichsbahnuniform. Mitten in die späten 60er-Jahre hinein fühlt sich der Betrachter versetzt. Die Momentaufnahme erscheint wie aus dem Leben gegriffen. Doch es handelt sich nicht um eine Filmkulisse, sondern um eine Modellwelt. Fahrzeuge, Autos und Maschinen bewegen sich im Maßstab 1:120. Sie verbrauchen weder Kohle noch Benzin, sondern laufen elektrisch, angetrieben über unsichtbare Kabel.

Einmal im Jahr entsteht in Fürstenwalde im großen Speisesaal eines Unternehmens die maßstabsgetreue Modellbahnwelt für genau vier Tage. Dann rollen aus allen Teilen Deutschlands frohgelaunte Männer und Frauen mit vollgepackten Koffern und Anhängern herbei. Man kennt sich untereinander. Die höchst motivierte Fangemeinde startet einen ihrer wichtigsten Hobby-Höhepunkte – das sogenannte Modultreffen. Im Gegensatz zur klassischen Variante des Modellbahnbaus stellen die Bastler und Tüftler nicht komplett gestaltete Anlagen unterschiedlicher Größen aus, sondern legen ihre Kulissen nach dem Baukastenprinzip zusammen. Jeder bringt ein oder mehrere rund einen Meter lange Module mit, die an den Schnittkanten genormt sind und auf einer Höhe von 1,30 Meter beliebig aneinandergereiht und elektrisch verbunden werden können. So entsteht links und rechts der Schiene eine gestaltete Landschaft mit Bauernhöfen, Fabrikgebäuden, Kanälen und Brücken. Es ist wie eine Zugreise, bei der ein Passagier aus dem Fenster schaut und die sich ändernde Landschaft wahrnimmt.

Der gestalterischen Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt. Das Ganze lässt sich beliebig ausweiten, bis die Kapazität ganzer Turnhallen ausgeschöpft ist.

Jeweils bis zu 100 Modellbahner zeigen bei den über ganz Deutschland verteilten Modultreffen, wie die große Eisenbahn im Kleinen funktioniert. Denn die Sache ist viel komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint. Die Fans der Miniaturwelten leben das Hobby im Detail täuschend echt aus: Der Fahrtag beginnt wie ein ganz normaler Dienst bei der Deutschen Reichsbahn Ende der 60er-Jahre. Die Modellbauer bekommen ihre Jobs zugewiesen. Benötigt werden Fahrdienstleiter, Stellwerksmeister, Rangierer, Wagenmeister, Fahrpersonal und natürlich Lokführer. Sie haben zuvor nach einem streng durchgerechneten Takt eigens für diesen Tag gedruckte Frachtkarten und Fahrpläne entworfen mit Abfahrt- und Ankunftzeiten sowie den vorgeschriebenen Geschwindigkeiten.

Die Modul-Uhr tickt diesmal im Maßstab eins zu vier – also benötigt die Lokomotive der Spur TT eine Stunde für die gleiche Entfernung, die ihre echte Schwester in vier Stunden bewältigt. Der nicht miniaturisierte Lokführer läuft mit dem Fahrregler neben der Bahn her. Nächste Station: Randemünde. Dann folgen Granzlin, Finkenheerd oder Sundevitt – einige davon Fantasiebahnhöfe. Kleinhagen nennt sich zum Beispiel ein Werksbahnhof, den Hagen Mallow geschaffen hat. Der Tierarzt aus dem Oderbruch war schon in Kindertagen begeisterter Modelleisenbahner und verlor das Hobby nie aus den Augen. Nicht nur an langen Abenden verwandelt er die heimische Küche in Neutrebbin in eine Bastelwerkstatt, wo es nach Leim und Farbe riecht. Aus Bauschaum und Draht konstruiert er Hügel in der fiktiven Landschaft. Aus speziellem Kunstharz entsteht die Wellenoberfläche eines Kanals. Das Detail muss stimmen: Die Qualität aus DDR-TT-Großserienproduktion reicht den Freaks von heute längst nicht mehr. Sie lackieren oder bauen gekaufte Fahrzeuge um, nehmen Beschriftungen vor, lassen mit künstlichem Rost oder Schmutz „altern“.

Wie viele Modulbauer es in Deutschland gibt, lässt sich kaum ermitteln. Die Vertreter der Nennspurweite TT beziffern ihre Mitgliederzahl auf mehr als 200. Auch in Polen, Tschechien, Bulgarien sowie Ungarn basteln Fans. Das nördlichste Treffen des Freundeskreises TT wird regelmäßig in Fürstenwalde ausgestattet. Und zwar komplett ohne Publikum. Manchmal haben Besucher von der ungewöhnlichen Riesen-Anlage erfahren und stehen mit Kindern vor der Saaltür. Doch es gibt wegen der bis zu mehrere hundert Meter langen Schienenwege, die sich auf verschwungenen Wegen durch den Raum schlängeln, keine Publikumsgänge. Außerdem können Kinder nur auf Bierkästen stehend die Züge verfolgen, weil sich alles auf einer Höhe von 1,30 Meter abspielt.

 

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