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Unkalkulierbares Risiko : Betonkrebs frisst die Autobahnen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Schadensbekämpfung kostet Millionen

Geschwindigkeitsbegrenzungen und Baustellen auf Brandenburgs Autobahnen dämpfen die Vorfreude auf die Fahrt in den Urlaub. Land und Bund haben ein massives Problem: Der Betonkrebs hat sich mittlerweile auf etwa 125 Fahrspur-Kilometer durchgefressen, weitere fast 300 Kilometer sind vermutlich infiziert.

Selbst der Weg zum Flughafen ist ein unkalkulierbares Risiko, sofern er über die A 113 führt. Zwei statt drei Fahrspuren und eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h, und es könnte noch schlimmer kommen. „Wir haben eine Extrembehinderung durch absackende Gullydeckel auf dem Standstreifen“, sagt Volker Becker vom ADAC Berlin-Brandenburg. Gut möglich, warnt er, dass bald nur noch eine Spur pro Richtung auf der A 113 zur Verfügung steht.

Schuld ist dort wie auch auf der A 10, der A 12, der A 9 und der A 2 die im Volksmund als Betonkrebs bezeichnete Alkali-Kieselsäure-Reaktion (AKR). „Wenn der Betonkrebs einmal drin ist, ist er nicht aufzuhalten“, weiß ADAC-Experte Becker. Diese Erkenntnis hat auch der für die Brandenburger Autobahnen zuständige Landesbetrieb Straßenwesen. Bei 125 Kilometern ist sich Edgar Gaffry, Vorstand für Planung und Bau, sicher, weitere 275 Kilometer Richtungsfahrbahn gelten als AKR-Verdachtsflächen.

Seit 2005 ist bekannt, dass auf Brandenburgs Betonautobahnen der Krebs wütet, ausgelöst durch Zuschläge für den Beton, die chemische Reaktionen hervorrufen. Als man Mitte der 1990er-Jahre im Land begann, in wenigen Jahren fast 70 Prozent des Autobahnnetzes zu erneuern, nahm niemand Warnungen des Beton-Fachmanns Gerhard Hempel ernst, der als Geologe am Institut für Baustoffe in Weimar schon zu DDR-Zeiten Zuschlagstoffe aus problematischen Kiesgruben untersuchte und ahnte, was kommen wird.

„Ursprünglich sollte der Beton bis zu 30 Jahre halten“, weiß auch Thomas Mattuschka, Bauüberwacher des Landesbetriebs Straßenwesen. „Aber so alt ist noch keine Strecke“, sagt er und führt die bröckelnden Fahrbahnen auf Fehler der Vergangenheit zurück. Im Osten sei alles schnell und in einem Zuge saniert worden, jetzt gehe daher alles fast zeitgleich kaputt. „Das krümelt nicht, sondern da brechen große Brocken aus dem Beton.“

Das Land ist alarmiert. Rund 97 Millionen Euro sind zur Seite gelegt, um von Betonkrebs zerstörte Autobahnabschnitte zu sanieren. „Die Liste der Erhaltungsmaßnahmen wird regelmäßig fortgeschrieben“, heißt es in einer Information des Landesbetriebs Straßenwesen. Baustellen kürzerer und längerer Dauer seien unvermeidbar.

Bei Fachleuten wird angesichts des AKR-Desasters die Frage „Weiß oder schwarz?“ wieder debattiert – weiß steht für Beton, schwarz für Asphalt. Edgar Gaffry kennt die Vorzüge von asphaltierten Autobahnen, würde aber immer Beton favorisieren, erst recht auf stark von Lkw befahrenen Strecken. „Bei der A 12 sehen wir es ganz deutlich. Sie ist in Beton gebaut und verformt sich nicht bei Temperaturerhöhung.“ Zudem haben Bund und Land aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Der Betonkrebs gilt bei neu gebauten Autobahnen als ausgerottet. Zum einen durch Vorgaben des Bundesverkehrsministeriums, zum anderen durch umfangreiche Tests aller Betonrezepturen beim Landesbetrieb – vor dem ersten Spatenstich.  

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erstellt am 21.Jul.2016 | 05:00 Uhr

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