Flüchtlingshilfe : Bei Abschied Tränen in den Augen

Grauer Alltag von Idomeni: Serena Cusi (l.), Ilaria Zanbelli (r.) und Bastian Bielig halfen als Freiwillige imFlüchtlingscamp. privat
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Grauer Alltag von Idomeni: Serena Cusi (l.), Ilaria Zanbelli (r.) und Bastian Bielig halfen als Freiwillige imFlüchtlingscamp. privat

Bastian Bielig aus Frankfurt an der Oder verbrachte seinen Urlaub als Helfer im Flüchtlingslager von Idomeni

svz.de von
16. März 2016, 21:00 Uhr

Im Flüchtlingslager von Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze helfen Hunderte Freiwillige, die 12 000 Gestrandeten zu versorgen. Unter ihnen war in den vergangenen Tagen auch Bastian Bielig, der im Alltag an der Europa-Universität Viadrina arbeitet.

Nass, kalt und arbeitsreich. Einen Griechenland-Urlaub stellt man sich anders vor. Doch Bastian Bielig, der als Online-Redakteur an der Frankfurter Europa-Universität Viadrina arbeitet, wollte genau das. Gemeinsam mit seiner Freundin Serena Cusi hat er bis Sonntagabend im Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze gearbeitet. Tag für Tag haben sie mit vielen anderen Freiwilligen Milchbrei und Obst an Kinder, Schwangere und stillende Mütter verteilt.

„Es war eine harte körperliche Arbeit, aber ich habe noch nie so viel Harmonie und Dankbarkeit erlebt“, berichtet der 34-Jährige Anfang der Woche nach seiner Rückkehr – noch sichtlich aufgewühlt von seinen Eindrücken. Durch Dauerregen ist Bielig über die aufgeweichten Felder gelaufen, um die Flüchtlinge zu finden, die die Versorgung am nötigsten haben, in jeder Hand eine Tragetasche mit den Brei-Portionen. Aber auch Regenjacken, Medikamente und andere dringend benötigte Dinge hat er zu organisieren und zu verteilen geholfen. Die Einweisung, die er von Koordinatoren bekommen hatte, lautete: „Guck in die Augen und lächle!“ Viel mehr Verständigung war aufgrund der Sprachbarriere meist nicht möglich.

In wenigen Tagen hat Bielig erlebt, wie hochschwangere Frauen unter freiem Himmel am Feuer campieren. Er hat einen Jungen kennengelernt, der sich nichts sehnlicher wünscht, als zu seinen Eltern nach Norddeutschland zu gelangen. Den chinesischen Künstler Ai Weiwei hat er gesehen, der ein Klavierkonzert mit einer syrischen Pianistin organisiert hat. Und er hat mit Flüchtlingen, die er „unsere syrischen Freunde“ nennt, Wasserpfeife geraucht. Nachts konnte er kaum schlafen, zu sehr bewegten ihn die Bilder des Tages. Kurz: Er hat den Alltag des Flüchtlingslagers kennengelernt.

Auf 12 000 wird die Zahl derer geschätzt, die derzeit in Zelten rund um die Bahnanlagen des griechischen Grenzstädtchens festsitzen, weil die Grenze zu Mazedonien verschlossen ist. Rund 2000 haben am Montag versucht, das Nachbarland zu erreichen, indem sie einen reißenden Fluss überquerten. Drei Menschen starben dabei. Gemutmaßt wurde am Dienstag, ob sie auch von Flüchtlingshelfern animiert wurden.

Solche Aktivitäten hat Bielig in seinen Tagen in Idomeni nicht beobachtet, obwohl er viel Kontakt zu anderen Freiwilligen aus ganz Europa hatte, die in einem nahegelegenen Hotel ihr Koordinationszentrum haben. „Klar waren wir uns einig in unserem Unverständnis für die Flüchtlingspolitik“, sagt er. Aber die Menschen ins Verderben zu schicken, obwohl kein Fluchtweg offen steht, das halte er für unverantwortlich.

Als Bielig am Tag seiner Rückkehr im Internet die Bilder von der Flussüberquerung sieht, wundert er sich dennoch nicht. „Du kannst diese Leute nicht aufhalten, sie haben ein Ziel“, ist der Eindruck, den er gewonnen hat. Gestrandet im Schlamm von Idomeni hätten sie nichts mehr zu verlieren. Vor Augen haben viele das Ziel „almania“. „We love Merkel“, hat Bielig immer wieder gehört. Etwa von dem syrischen Technik-Lehrer, der verzweifelt versucht, zu seiner Frau und den Kindern in Aachen zu gelangen. Mit Tränen in den Augen hat sich Bielig am Sonntag von ihm verabschiedet. „Dieses Wissen, dass ich einen Tag später in Deutschland bin und ihn dort im Camp zurücklasse, das ist so bitter“, sagt er. „Wir dürfen nach Europa, unsere frierenden Freunde nicht. Diese europäische Seifenblase ist so ungerecht“, schrieb er in diesem Moment seinen Freunden zu Hause.

Es könne nicht sein, dass innerhalb Europas Menschen so elendig leben, findet der Viadrina-Mitarbeiter, der in seinen Frankfurter Jahren immer ein Verfechter der europäischen Idee war. Sie jetzt buchstäblich im Schlamm versinken zu sehen, geht ihm offensichtlich nah.

Es ist Bielig bewusst, dass nicht alle die Möglichkeiten haben zu helfen, wie er es getan hat. „Aber jeder kann etwas tun, ohne gleich sein Leben umzukrempeln“, ist er überzeugt. Und sei es nur im eigenen Umfeld zu berichten, um welche menschlichen Geschichten es dort an der griechisch-mazedonischen Grenze geht – das jedenfalls wird Bielig jetzt tun.

Frauke Adesiyan

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