zur Navigation springen

Geldstrafe für unterlassene Hilfeleistung : Bedürftige Mutter vernachlässigt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

84-jährige Frau lag mit Oberschenkelhalsbruch fünf Monate auf dem Sofa, ohne dass ihr Angehörige halfen

svz.de von
erstellt am 03.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Über einen besonders krassen Fall unterlassener Hilfeleistung durch Angehörige verhandelte das Amtsgericht Oranienburg am Mittwoch. Tochter und Neffe hatten einer 84-jährigen Frau monatelang keine medizinische Versorgung gewährt. Später starb sie in einer Klinik.

Gegen die zwei Angeklagten erließ die Oranienburger Amtsrichterin Barbara Speidel-Mierke am Mittwoch in Abwesenheit Strafbefehle. Wegen unterlassener Hilfeleistung erhielt Tochter Anke B. 1500 Euro Geldstrafe. Neffe Wolfgang K. soll eine Geldstrafe von 1350 Euro zahlen.

Anfang Dezember 2013 war ihre Mutter und Tante Lieselotte B. im gemeinsam bewohnten Haus gestürzt und hatte sich den Oberschenkelhals gebrochen. Aus Gleichgültigkeit, so sah es das Amtsgericht, hatten die Angeklagten damals weder einen Rettungsdienst alarmiert, noch eine Notversorgung veranlasst.

Erst nachdem sich im April 2014 ein Betreuer Zugang zum Haus verschaffte, wurde die Seniorin im Oranienburger Krankenhaus medizinisch versorgt. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits bewusstlos. Wegen ihres schlechten Pflege- und Ernährungszustandes befand sie sich in akuter Lebensgefahr. Lieselotte B. starb drei Wochen nach ihrer Einlieferung in der Klinik.

Zusätzlich wurde bei der 84-Jährigen ein Liegegeschwür am Rücken mit besonders schwerer Ausprägung diagnostiziert. Bereits seit 2009 litt die Frau an Brustkrebs, der aber auch unbehandelt blieb.

Zu der Verhandlung erschienen die Angeklagten nicht. Auch im Vorfeld folgten sie Ladungen nicht. Die vom Gericht erhofften Äußerungen zu den Tatumständen blieben aus. Der Strafbefehl wurde nach gut einer halben Stunde des Wartens von der Richterin verlesen. Er geht den Angeklagten per Post zu. Sie haben das Recht, innerhalb von zwei Wochen nach Zustellung Widerspruch einzulegen. Sonst sind die Strafen rechtsgültig.

Doch wie konnte es soweit kommen? Diese Frage stellt sich auch Barbara Speidel-Mierke. In 20 Jahren Richtertätigkeit sei ihr ein solcher Fall noch nicht untergekommen, sagte sie. Antworten hatte sie bis Mittwochmorgen noch keine erhalten.

Aus den Akten zu dem Fall gehen aber einige Details hervor, die Oranienburgs Gerichtsdirektor Olaf Adamus erläuterte. Die Anklageschrift wurde wegen der abwesenden Angeklagten nicht verlesen. Anke B. und Wolfgang K. lebten mit Lieselotte B. in Leegebruch. Sie teilten sich ein Einfamilienhaus. Fünf Monate lag die Seniorin nach dem schweren Sturz vom Dezember 2013 auf der Couch im Haus. Sie konnte sich nicht bewegen, ihre Liegeposition hätte regelmäßig verändert werden müssen. Doch auch dafür sorgten die Angehörigen nicht.

Laut Adamus sei die Pensionärin zwar mit Essen und Getränken versorgt worden, doch selbst das nicht in ausreichendem Maße. Als Lieselotte B. Ende April 2014 von einem Betreuer auf der Couch aufgefunden wurde, war sie bewusstlos. Der Notarzt veranlasste sofort ihre Einlieferung in ein Oranienburger Krankenhaus.

Dort stellten die Ärzte nicht nur den gebrochenen Oberschenkelhals fest, sondern diagnostizierten auch ein Druckgeschwür vierten Grades. Es entsteht durch einseitige, lokale Druckbelastung und die dadurch gestörte Blutzufuhr an der betroffenen Stelle. Außerdem stellten die Ärzte fest, dass ein fünf Jahre zuvor diagnostizierter Brustkrebs unbehandelt geblieben war. Lieselotte B. starb drei Wochen später in der Klinik an einer Lungenentzündung.

Adamus sagte, sein Eindruck sei, dass die Tochter den Ernst der Lage nicht erkannt hätte. Sie sei beim Auffinden der bewusstlosen Seniorin völlig überfordert erschienen, habe aber nichts gegen deren Lage getan.

„Um helfen zu können, muss man erst einmal Kenntnis davon haben“, sagte Liane Hoffmann. Sie ist beim Märkischen Sozialverein in Oranienburg für rechtliche Betreuung zuständig. Hoffmann rät Personen, die von ähnlichen Vorfällen Kenntnis erhalten – etwa besorgten Nachbarn – im Zweifel die Polizei anzurufen, um eine möglicherweise unterlassene Hilfeleistung anzuzeigen.

Diesen Rat gibt auch die Polizei. Man solle sich nicht scheuen, die 110 zu wählen. Häufig werde unterlassene Hilfeleistung bei Pflegebedürftigen nicht angezeigt. Die Polizei schätzt die Zahl der verborgen bleibenden Fälle weitaus höher als die bereits bekannt gewordenen. Die Betroffenen selbst könnten nicht mehr zur Polizei gehen oder zum Hörer greifen.

 
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen