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Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber : Zwischen Chance und Risiko

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Wenige Minuten vor Beginn der großen Aussprache ist es merkwürdig still in der fast voll besetzten Stadthalle. Vielen Menschen stehen die Sorgen ins Gesicht geschrieben. „Ich habe ein mulmiges Gefühl. Was ist, wenn unter den Flüchtlingen Kriminelle sind?“

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erstellt am 01.Feb.2015 | 08:00 Uhr

Wenige Minuten vor Beginn der großen Aussprache ist es merkwürdig still in der fast voll besetzten Stadthalle. Vielen Menschen stehen die Sorgen ins Gesicht geschrieben. „Ich habe ein mulmiges Gefühl. Was ist, wenn unter den Flüchtlingen Kriminelle sind?“, fragt kurz darauf Hans-Joachim Walter als einer der ersten Anwohner in der Diskussion. Ein Handwerker äußert sich ähnlich: „Wir haben Ängste, wissen nicht, was auf uns zukommt. Es gibt hier kaum Erfahrungen mit Ausländern. Bitte haben Sie dafür Verständnis“, appelliert er an den Innenminister.

Und ein dritter Mann fragt mit leiser Stimme, den Blick zu Boden gerichtet: „Die Gegend rund um die Kaserne ist bei Joggern beliebt. Glauben Sie, dass sich dort künftig eine Frau alleine hintraut?“ Karl-Heinz Schröter wählt in seinen Antworten einen persönlichen Ton, erzählt anhand eigenem Erleben, dass Ängste zumeist eine subjektive Sache seien, dass es im Eisenhüttenstädter Erstaufnahmelager durchaus mal Reibereien unter den Bewohnern gebe, was vor allem der Enge in der Anlage geschuldet sei.

„Aber Schwerkriminalität gibt es nicht“, sagt der SPD-Politiker. „Wir reden darüber, dass Flüchtlinge zu uns kommen, keine Straftäter.“ Mit wenigen, aber prägnanten Worten ruft Schröter den mehreren Hundert Bürgern in der Halle Bilder von den jüngsten Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer oder in Syrien ins Gedächtnis, erzählt, dass seine Eltern 1945 aus Schlesien ins heutige Brandenburg kamen. „Wir sollten glücklich sein, nicht von Krieg und Vertreibung betroffen zu sein. Jene Menschen, die zu uns kommen, haben Hilfe verdient“, sagt der gebürtige Frankfurter.

Beifall kommt in der Halle auf. Ein Mann erzählt, dass er 15 Jahre im Nahen Osten gearbeitet und dort eine beispiellose Gastfreundschaft erlebt habe. Eine solche Empfangskultur wünsche er sich auch in „Doki“, wie die 1950 gegründete Doppelstadt Doberlug-Kirchhain bei den Einheimischen heißt. „Wenn wir offen sind, löst das Spannungen.“ Ein Redner wünscht sich Lichtbildvorträge über die Herkunftsländer der Flüchtlinge, um deren Hintergrund besser verstehen zu können. Zwei Stunden wird am Donnerstagabend diskutiert.

Stets sachlich, es geht beiden Seiten um Aufklärung, das ist zu spüren. Ärger hatte es vorab darüber gegeben, dass lediglich die unmittelbaren Anwohner, nicht aber alle Bürger zu der Versammlung eingeladen waren.

Schröter verteidigt die Entscheidung: „Wir haben uns die größte Halle ausgesucht, aber auch die ist nur für eine bestimmte Zahl von Menschen zugelassen. Wenn Leute aus der Nachbarschaft des Heims keinen Platz gefunden hätten, wäre der Ärger vermutlich groß gewesen.“ Im Verlaufe der Debatte rücken praktische Fragen in den Mittelpunkt, und als klar wird, dass mit dem Heim mindestens 80 neue Jobs entstehen, dass Bäcker und Handwerkerfirmen vor Ort von Aufträgen profitieren werden, da bekommt das Thema Flüchtlinge für viele im Saal eine neue Dimension. Sie wollen es gleich ganz genau wissen, wie etwa die Vergabe der Aufträge läuft.

Schröter prophezeit schließlich den Bürgern: „Die Stadt wird bunter und interessanter.“ Auch Bürgermeister Bodo Broszinski (FDP) sieht mehr Chancen als Risiken für Doki, gelegen in einer besonders strukturschwachen Region, 140 Kilometer von Potsdam und 100 Kilometer von Dresden entfernt. Aber er erinnert daran, dass der Auftakt für die Suche des Landes nach einem zusätzlichen Standort für die Erstaufnahmeeinrichtung nicht glücklich verlaufen sei. „Die ersten Begehungen gab es ohne Beteiligung der Stadt. Das hat leider für Unruhe gesorgt.“ Auch danach sei der Informationsfluss „nicht ganz so flüssig“ gewesen. Klar sei aber: „Das Land braucht diese zusätzlichen Kapazitäten, und der Standort ist dafür geeignet.“ Frank Nürnberger, Leiter der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber, erklärt die Entscheidung für Doberlug-Kirchhain damit, dass in die seit zehn Jahren leer stehende Lausitzkaserne vergleichsweise wenig investiert werden müsse, um im Spätherbst akzeptable Bedingungen für die eintreffenden Familien zu haben. Und er stellt klar: „Das Land zahlt alles.“ Ausführlich erklärt Nürnberger die künftigen Abläufe.

So werden auch weiterhin alle Neuankömmlinge in Brandenburg zunächst Eisenhüttenstadt für die Erstuntersuchung ansteuern. Dann gehe es für sie weiter nach Doberlug-Kirchhain oder eine der anderen Außenstellen der Erstaufnahme in Frankfurt (Oder) und Ferch. Bis zu zwei Monate sollen sie sich dort aufhalten, um dann auf die einzelnen Heime und Wohnungen in den Landkreisen verteilt zu werden. Vor allem für die Flüchtlingskinder sollen in Doberlug-Kirchhain Deutschkurse angeboten werden, schulpflichtig seien die Kleinen in dieser Phase aber noch nicht, betont Frank Nürnberger. Viele Fragen der Bürger drehen sich um die medizinische Versorgung. Nürnberger versichert, dass man die ohnehin knappen Ressourcen vor Ort nicht über Gebühr belasten und stattdessen eigene Ärzte suchen werde. Und Innenminister Schröter verspricht, sich für eine angemessene Ausstattung der Polizei vor Ort einzusetzen. Zum Abschied sagt er: „Ich habe selten eine so sachliche Diskussion erlebt. Ich bin angenehm überrascht.“

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