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Woidke trifft auf Ex-Häftlinge : „Wir hofften zu überleben“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ministerpräsident Woidke empfängt frühere Insassen sowjetischer Speziallager.

svz.de von
erstellt am 14.Jul.2015 | 10:22 Uhr

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) wollte gestern mit dem Empfang von ehemaligen Häftlingen der sowjetischen Speziallager ein Zeichen der Wertschätzung setzen. Über 200 hochbetagte Zeitzeugen folgten seiner Einladung.

Und es sind grauenhafte Geschichten, die von den Überlebenden der Speziallager erzählt werden. Sie handeln von einer völlig überraschenden Festnahme, von nächtelangen Verhören, von Folter, Hunger und unmenschlichen Haftbedingungen. „Man hatte nur gehofft, irgendwie überleben zu können“, sagt Friedrich Klausch. Der heute 86-Jährige war 1947 aus einer „Dummheit“ heraus zu Fuß von Potsdam in den amerikanischen Sektor aufgebrochen. Auf dem Weg dorthin stoppte ihn ein Rotarmist. Unverzüglich wurde er in die Kommandantur der Sowjetarmee in Griebnitzsee gebracht – Vorwurf: Spionage.

Es folgte eine monatelange Untersuchungshaft im Gefängnis Leistikowstraße, bis er in das sowjetische Speziallager nach Sachsenhausen verlegt wurde. Von dort aus wurde er nach Moskau transportiert. „Du wirst Deutschland nie wiedersehen“, sagt ihm der Offizier, der ihn tagelang verhörte und ein Geständnis erzwingen wollte.

Nach der Haft im Kriegsgefangenenlager Wologda, wo er an schweren Infektionen fast gestorben wäre, folgten Aufenthalte in anderen Straflagern, in denen er sich mit politischen Häftlingen anfreundete. Die Bekanntschaften waren sein Glück. „Als meine Mitinsassen im Rahmen der Umwälzungen in Russland entlassen wurden, haben sie mich nicht vergessen“, berichtet Klausch. 1956 kam er frei und kehrte in die DDR zurück. Von dort aus wurde er in den Westen abgeschoben.

Auch Reinhard Wolf war zur falschen Zeit am falschen Ort, als er 1947 zusammen mit Freunden bei Altlandsberg (Märkisch-Oderland) von einem Hilfspolizisten zu einer „Befragung“ mitgenommen wurde. Dieser hatte dem damals 16-Jährigen Waffenbesitz vorgeworfen. Da Wolf die Anschuldigungen beharrlich abstritt, wurde auch er in das Speziallager Sachsenhausen gebracht. Es folgten Verhöre, Entbehrungen und Prügel. Aber auch Wolf hatte Glück: Der Leiter einer Holzwerkstatt auf dem Gelände nahm ihn auf. „Wir waren dann vom unmenschlichen Alltag im Lager abgekoppelt“, erinnert sich der 85-Jährige. Einige Monate später wurde er entlassen. „Jeder dritte Jugendliche ist in dem Lager gestorben.“

Ministerpräsident Dietmar Woidke kennt ähnliche Schicksale aus Briefen, die ihm im Vorfeld des Ehrenempfangs geschickt wurden. „Ich habe wirklich alle Briefe gelesen“, sagt der Regierungschef. Dabei sei der Zeitpunkt des Treffens bewusst gewählt: 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und 25 Jahre nach Wiedergeburt des Landes Brandenburg. Diese „dunklen Episoden“ der märkischen Geschichte müssten weiter aufgearbeitet werden, betont Woidke in seiner Rede. „Denn das Schweigen ist der größte Feind einer wirklichen Aufarbeitung, so der SPD-Politiker angesichts der Tatsache, dass über die sowjetischen Speziallager in der DDR niemand reden durfte. Woidke weist jedoch gleichzeitig auf völlig unterschiedliche Motive der Inhaftierung hin. Viele Insassen hätten während der NS-Diktatur auch Schuld auf sich geladen. Doch sämtliche Schicksale verbinde, dass sie in die „Mühlen einer unmenschlichen Justiz“ gerieten und als Überlebende bis heute physisch und psychisch unter den Folgen litten.

Für die Union der Opferverbände UOKD ist die Würdigung ein „starkes Zeichen“. Woidke sei der erste ostdeutsche Ministerpräsident, der einen derartigen Empfang organisiert habe, erklärt Theodor Mittrup vom Vorstand der UOKD. Auch die Brandenburger Diktaturbeauftragte Ulrike Poppe betont die Wichtigkeit dieser Treffen. „Denn langsam werden die Stimmen der Zeitzeugen immer leiser.“

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