Wenn ein Denkmal zur Last wird

Abrisswürdig oder erhaltenswert? Das „City-Kaufhaus“ in Seelow wurde in den 1950ern errichtet.
Abrisswürdig oder erhaltenswert? Das „City-Kaufhaus“ in Seelow wurde in den 1950ern errichtet.

Streit um altes Kaufhaus erreicht Landespolitik – Zweckbau ohne Zweck, aber denkmalgeschützt

von
11. März 2015, 11:42 Uhr

Auf der Jahrespressekonferenz des Landesdenkmalamtes im Januar zeigte sich Landeskonservator Thomas Drachenberg verärgert. Noch immer würde der Wert von Denkmalen in Brandenburg nicht erkannt. Vor allem Architekturbeispiele des 20. Jahrhundert hätten es schwer, akzeptiert zu werden. Als Beispiel nannte er das ehemalige Kaufhaus von Seelow, der Kreisstadt von Märkisch-Oderland. Ein mustergültiges Exemplar eines Landwarenhauses sei das Gebäude, schwärmt der Landeskonservator. Errichtet wurde das frühere Kaufhaus „Kontakt“ Ende der 50er-Jahre. Ein seltenes Zeugnis individuell gestalteter Architektur, mit seinen Arkaden von hohem Wiedererkennungswert, erklärte Georg Frank, Abteilungsleiter im Landesdenkmalamt. „Der Denkmalwert steht außer Frage“, formulierte er.

Die Seelower ärgert, dass dieser Denkmalwert erst im vergangenen Jahr festgestellt wurde, unmittelbar bevor die Stadt den Abrissantrag stellte. Dass die Experten jahrelang keinen Zutritt zu dem seit 2008 leerstehenden Haus gehabt haben sollen, ruft in Seelow Kopfschütteln hervor – ändert aber nichts an der Tatsache, dass das Gebäude nun geschützt ist. Die Stadt erwarb das Haus für 140  000 Euro am 17. März 2014. Einen Tag später wurde bei der Unteren Denkmalbehörde der Antrag auf Abriss des frisch eingetragenen Denkmales gestellt.

Bürgermeister Jörg Schröder begründet den Schritt mit der im Denkmalschutzgesetz beschriebenen Unzumutbarkeit für den Eigentümer. In einer Erörterung des Falls im Kulturministerium, an der auch das Landesdenkmalamt beteiligt war, wurde die Stadt im vergangenen Jahr aufgefordert, erst einmal die Belastung durch das Kaufhaus nachzuweisen. Gutachter errechneten daraufhin, dass durch die ungünstigen Deckenhöhen, die kaum nutzbaren Keller und den schmalen Seitenflügel bei Umbauten ein Kaltmietpreis von 14 Euro pro Quadratmeter entstehen würde – ein Neubau nur halb so teuer sei. Für die Bewohner der Kreisstadt ein weiterer Grund, sich vom Kaufhaus zu trennen.

Im gut besuchten Kulturhaus sprachen sich die meisten für den Abriss aus. Zumal der Bürgermeister die Entwicklung des ganzen Quartiers mit Landesfördergeldern in Aussicht stellte. Was die Seelower wollen, liegt auf der Hand: eine lebendige Innenstadt, altersgerechtes Wohnen, preiswerte Mieten, damit die Jungen bleiben oder zurückkehren, und ein paar Geschäfte, die das Viertel zwischen Rathaus und Kirche attraktiver machen. Vor allem aber will man sich nicht von anderen vorschreiben lassen, wie die eigene Stadt zu entwickeln ist.

Zu den „anderen“ gehört Hildegard Vera Kaethner, Sprecherin der Gesellschaft für Kulturgüter im ländlichen Raum. Für sie ist ein Denkmal ein Denkmal, und das muss nach den entsprechenden Gesetzen geschützt werden. Eine Kommune, die ein Denkmal erwirbt, um es abzureißen, ist für sie ein Unding. Und den Passus, dass ein geschütztes Gebäude zu einer unzumutbaren Belastung wird, sieht Kaehtner allenfalls bei privaten Eigentümern als gegeben an, bei der Stadt Seelow nicht. Da das Kaufhaus nicht einsturzgefährdet ist, müsse man auch den Mut aufbringen, es über Jahre leer stehen zu lassen, bis sich eine neue Nutzung findet. Davon aber wollen die Bewohner der Stadt nichts wissen. Für sie geht es nicht um unzumutbare Kosten, sondern um das unzumutbare Gefühl, mit einem Schandfleck im Herzen der Stadt leben zu sollen und Entwicklungschancen zu verpassen.

Ende vergangenen Jahres fertigte die Untere Denkmalschutzbehörde einen ablehnenden Bescheid. Allerdings verließ dieser nie die Amtsstuben des Landratsamtes. Stattdessen zog die Hausspitze das Verfahren an sich und schrieb Mitte Januar das genaue Gegenteil – die Genehmigung des Abrisses. „Natürlich habe ich ins Verfahren eingegriffen. Dafür bin ich schließlich Landrat“, sagt Gernot Schmidt (SPD), Verwaltungschef von Märkisch-Oderland, zu der jähen Wendung.

Wäre die Ablehnung des Abrissantrages amtlich geworden, wäre die Stadt auf dem leeren, geschützten Gebäude sitzen geblieben. Durch die Genehmigung des Abrisses kommt es nun zu einem formalen Dissensverfahren mit dem Kulturministerium. Und genau da scheint der Landrat hinsteuern zu wollen: Ein Verfahren, bei dem man dem Land Kompromisse abhandeln kann. So könnten Teile der Arkaden beispielsweise stehen bleiben und die Nordfassade in einem Neubau wieder zitiert werden – bei entsprechender Unterstützung des Landes aus der Städtebauförderung.

Für Hildegard Vera Kaethner ist dieses Gefeilsche um Kompromisse zu Lasten eines Denkmales nicht akzeptabel. Sie sprach von Rechtsbruch und drohte mit juristischen Schritten. Über den Abriss eines Denkmales könne man nicht abstimmen, hielt sie den Seelowern entgegen. Für Roland Kühne, ehemaliger Superintendent in der Kreisstadt, der sich um den Wiederaufbau des Kirchturms verdient gemacht hatte, ist das Kaufhaus ein Zweckbau, der seinen Zweck nicht mehr erfüllt. Bei der Errichtung seien die Bürger nicht gefragt worden, jetzt aber könnten sie sich an der Gestaltung des Quartiers beteiligen. In Seelow scheint damit alles gesagt zu sein. Die nächste Runde wird in Potsdam ausgetragen und danach vielleicht eine weitere vor Gericht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen