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Politik BB

23. November 2017 | 06:47 Uhr

Verfallene Schmuckstücke

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Viele Brandenburger Herrenhäuser in Privatbesitz rotten vor sich hin / Behörden haben für Sicherungsmaßnahmen kein Geld

svz.de von
erstellt am 13.Jan.2015 | 12:12 Uhr

Brandenburgs Kirchen sind weitgehend gesichert, die großen Schlösser Schmuckstücke und die historischen Innenstädte herausgeputzt. Bei Guts- und Herrenhäusern dagegen drohen unwiederbringliche Verluste. In einem offenen Brief an Brandenburgs Kulturministerin Sabine Kunst (SPD) fordert die „Gesellschaft für Kulturgüter im ländlichen Raum“ jetzt die Aufstellung eines landesweiten Rettungsplanes für das bedrohte Erbe. Ein Drittel­ der 430 noch existierenden Guts- und Herrenhäuser müsste dringend baulich gesichert werden, heißt es in dem Brief.

Die Sprecherin des Vereins, Hildegard Vera Kaethner, verweist darauf, dass Brandenburg das einzige Land ist, das keinen Denkmalfonds hat, aus dem Notsicherungen bedrohter Kulturgüter finanziert werden können. Auch bei den Landtagsabgeordneten gebe es ein zu geringes Bewusstsein für die Belange des Denkmalschutzes und die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung, die historische Bausubstanz im ländlichen Raum entfalten kann, schätzt Kaethner ein.

Stephan Breiding, Sprecher im Kulturministerium, gibt Probleme zu. Die großen Förderprogramme für diesen Bereich fließen zum einen in die Stiftungen Preußische Schlösser und Gärten, Stift Neuzelle und die Gedenkstättenstiftung. Gefördert werden auch national bedeutsame Denkmäler wie das ehemalige Kloster in Mühlberg oder die historische Eisenhütte in Peitz. In den Erhalt der historischen Stadtkerne flossen seit Beginn der 1990er-Jahre rund 700 Millionen Euro. Landeskonservator Thomas Drachenberg stellte im vergangenen Jahr fest, dass es in den zurückliegenden Jahren gelungen sei, die Dorfkirchen in Brandenburg zu retten.

Eine Lücke gibt es jedoch bei der Sicherung geschützter Häuser in Privathand, bei denen der Eigenanteil zur Förderung nicht erbracht werden kann oder bei der Sicherung von Gebäuden wie Herrenhäusern, für die es keine aktuelle Nutzung gibt. Ohne Nutzungskonzept, so Breiding, lasse das EU-Recht keinen Einsatz von Fördergeldern zu, auch nicht für eine Notsicherung. Auf das Problem hatte schon der frühere Chef des Landesdenkmalamtes, Detlef Karg, hingewiesen. Oft reichten geringe Summen, um ein Dach zu flicken und so einem Herrenhaus Zeit zu geben, bis sich eine Nutzung findet, argumentierte er. Lang und breit wurde in der vergangenen Legislaturperiode über die Einrichtung eines Denkmalfonds diskutiert. Die Fachpolitiker waren sich einig, dass er sinnvoll sei. Zustande kam er trotzdem nicht. Im Kulturministerium heißt es, dass die Gespräche zu diesem Thema wieder aufgenommen werden, auch wenn das Vorhaben nicht Bestandteil des Koalitionsvertrages sei.

Die Gesellschaft für Kulturgüter im ländlichen Raum hat jedoch noch weitergehende Forderungen. Hildegard Vera Kaethner plädiert dafür, dass die Denkmalbehörden öfter sogenannte Ersatzvornahmen veranlassen. Das bedeutet, dass die Landkreise Sicherungsarbeiten finanzieren, wenn Eigentümer wertvolle Gebäude verfallen lassen. Allerdings schreckten die Behörden vor dem Aufwand und dem damit verbundenen Risiko zurück. Als Beispiel nennt sie das Gutensemble in Wölsickendorf. Das Herrenhaus selbst hat die Gemeinde vorbildlich wieder hergestellt und nutzt es als kulturelles Zentrum. Teile der Wirtschaftsgebäude sind jedoch in Privatbesitz und verfallen. Für Kaethner ein Fall, in dem der Landkreis als Untere Denkmalschutzbehörde aktiv werden müsste, um den Verfall zu verhindern.

Schon 2009 hatte sich Hildegard Vera Kaethner an den damaligen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) gewandt. Dabei ging es um das Denkmalensemble Gentzrode in Neuruppin. Hochtrabende Pläne für das extravagante Gebäude, das schon seinen Erbauer, den Kaufmann Gentz, ruiniert hatte, gab es immer wieder – passiert ist nicht viel. „Die Sicherungsmaßnahmen sind völlig unzureichend, der Verfall geht weiter“, sagt Kaethner.

An weiteren Beispielen mangelt es nicht. Hohenlandin in der Uckermark ist so eines. Das einst prächtige Schloss im Tudorstil steht seit den 70ern leer und verfällt. Landeskonservator Drachenberg nennt Problemfälle in Schlichow bei Cottbus oder Hohennauen im Havelland. In einigen Kreisen, berichtet er, sind Ersatzvornahmen im Gange. Aber auch Drachenberg hofft, dass bei einem neuen Anlauf zu einem Denkmalfonds Gelder zur Rettung von Herrenhäusern zusammenkommen. Immerhin, im Gegensatz zu Denkmälern in Städten gibt es zurzeit keine Anträge auf Abriss beim Landesdenkmalamt. Die Abrisskosten sind wohl zu hoch und die Chancen, an gleicher Stelle neu zu bauen, zu gering.

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