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64 000 Schweine, die sich kaum bewegen können : Tierfabrik im Zwielicht

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Mehrere Bürgerinitiativen, die gemeinsam die Volksinitiative gegen Massentierhaltung auf den Weg brachten, haben zu einem Ortstermin geladen, um zu erklären, worum es ihnen geht.

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erstellt am 26.Feb.2015 | 10:06 Uhr

Es ist eine gespenstische Szenerie. Riesige fensterlose Fabrikhallen, mit Blech verkleidet, aus denen kein Laut dringt, sondern nur ein unangenehmer Geruch. Die Stille wird von schweren Lastern durchbrochen, die jene Fabrik ansteuern, um Gülle zu laden und irgendwohin abzutransportieren. Denn in diesen Hallen stehen nicht Maschinen, mit deren Hilfe ein Produkt hergestellt wird, sondern derzeit 64  000 Schweine, die sich kaum bewegen können, die nie Tageslicht sehen.

Willkommen in Tornitz, ein paar Kilometer von der Autobahn A  13 bei Vetschau entfernt. Mehrere Bürgerinitiativen, die gemeinsam die Volksinitiative gegen Massentierhaltung auf den Weg brachten, haben zu einem Ortstermin geladen, um zu erklären, worum es ihnen geht. In die Hallen dürfen sie trotz Anfrage nicht. Er fühle sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, erklärt Erik Arts, der holländische Betreiber der Anlage, zur Begründung. Jegliche Kritik an seinem Betrieb weist er zurück.

Er kann das auch deshalb ruhigen Gewissens tun, weil das zuständige Kreis-Veterinäramt immer wieder vor Ort ist und nichts zu beanstanden hat. „Und die Landesregierung weiß er auch hinter sich. Sie will ja genau das, was hier passiert“, ergänzt Dirk Marx kopfschüttelnd, ein Anwohner, der die Tierfabrik seit Jahren kritisch begleitet. Seine Befürchtungen über das, was im Inneren vor sich geht, sieht er durch Fotos belegt, die die Tierschutzorganisation Ariwa Ende 2014 heimlich in der Anlage gemacht hat. Dicht an dicht stehen die Tiere, haben kaum Licht und zu wenig Wasser.

Dirk Marx, Wissenschaftler an der BTU in Cottbus und Kreistagsabgeordneter, kann anhand von Schreiben diverser Ämter darlegen, dass in der Fabrik mindestens 10  000 Schweine mehr als zulässig stehen. Er kann zeigen, dass die Güllebecken auf dem Areal anders als vorgeschrieben nicht abgedeckt sind. Aber wenn er die Ämter darauf aufmerksam macht, kommen ausweichende, vertröstende Antworten.

Werner Kratz, Vize-Chef des Naturschutzbunds Nabu und davor lange Jahre Abteilungsleiter im Landesumweltamt, erzählt ähnliche Geschichten. Seine Sorge gilt den Belastungen für Mensch und Umwelt rund um den Mastbetrieb. Stickstoff, Ammoniak, Methan, resistente Keime – all das gelange hier in Größenordnungen in die Luft, in den Boden und ins Grundwasser. Einen Steinwurf von der Fabrik gibt es große Erdbeerplantagen, über die jene Abgaswolken ziehen.

„Wir haben alles versucht, um die Behörden auf die Probleme aufmerksam zu machen, aber auch Dienstaufsichtsbeschwerden blieben erfolglos“, sagt Kratz. So dürfe der Betreiber der Schweinemast die bestehende Anlage sogar noch erweitern und für Windräder hunderte Bäume in jenem Wald fällen, der wegen der Abgase eigentlich per Gesetz ein Puffer zwischen Mastanlage und Stadt Vetschau sein sollte. Wie der enorme Stickstoffeintrag dem Wald schade, sei darüber hinaus an den lichten Kronen der Kiefern zu erkennen und dem steppenartigen Gräsern am Boden, erklärt der Biologe.

Dirk Marx macht Angst als eine der Ursachen für die Zurückhaltung der Behörden aus. Hinzu kämen Machtspiele und diverse Verquickungen. Werner Kratz fügt noch den Personalmangel etwa im Landesumweltamt als Ursache für die ausbleibende Überwachung von Umweltstandards aus. Ihr Fazit: Als Beitrag für den Schutz von Mensch und Natur müssten auf Landesebene gesetzliche Regelungen gegen Massentierhaltung erlassen werden.

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