Brandenburg : Streit um Sommerkinder

Patrick Pleu
Patrick Pleu

Stichtag für Einschulung bleibt umstritten

svz.de von
30. September 2015, 10:50 Uhr

Lieber ein Jahr länger im Kindergarten und erst mit sechs Jahren in die Schule? Diese Frage beantworten immer mehr Eltern in Brandenburg mit „Ja“. Die Zahl der Kinder, die auf Wunsch der Eltern zurückgestellt werden, steigt. Für den Landeselternrat ein Signal zum Umdenken.

Zurück zum 30. Juni – so einfach ist die Forderung des Landeselternrats (LER), wenn es um Erstklässler geht. Kinder, die zum Schulbeginn keine sechs Jahre alt sind, sollten weiter in die Kitas gehen dürfen. LER-Sprecher Wolfgang Seelbach sieht die Forderung nicht nur durch eine Bürgerinitiative in Elbe-Elster mit dem gleichen Ziel, sondern auch durch aktuelle Zahlen einer Blitzumfrage des Brandenburger Bildungsministeriums bestätigt.

Demnach verbringen im begonnenen Schuljahr 3244 Kinder ein weiteres Jahr in der Kita, die meisten haben im Sommerzeitraum vom 1. Juli bis 30. September Geburtstag und „machen 70 Prozent aller Rückstellungsanträge aus“, sagt Seelbach. Man kann sich aus seiner Sicht das aufwendige Verfahren mit einer Rolle rückwärts ins Jahr 2005/2006 schenken.

Bis dahin galt der 30. Juni als Stichtag für die Einschulung, bis 800 Eltern lautstark eine Verschiebung forderten, wie sich Seelbach erinnert. Das sei aber einem anderen Zeitgeist geschuldet gewesen, meint Seelbach. 33 000 Unterschriften der Bürgerinitiative „Stoppt die Früheinschulung in Brandenburg“ sprechen heute eine andere Sprache. Doch das Ministerium lasse sich auf eine Diskussion nicht ein.

„Es scheut die Umorganisation, dabei würden einige Lehrer frei. Bildungsminister Baaske müsste doch froh sein für jede Entlastung“, argumentiert Seelbach.

Kommunen befürchten jedoch Platz- und Personalnot in ihren Kitas, weil vor allem die Sommerkinder länger bei ihnen bleiben. Schulen bangen um Klassenstärken. Das sei gerade auf dem Land ein Problem, wo jeder jeden kenne, auch den Schulleiter.

Seelbach vermutet daher eine hohe Dunkelziffer von Eltern, „die sich nicht trauen, Rückstellungsanträge zu stellen“. Weil sie Nachteile befürchten oder von der Option einfach nichts wissen.

Eine angedachte und dann verworfene Gesetzesnovelle, die das Recht auf spätere Einschulung regeln sollte, hält Ministeriumssprecher Florian Engels für nicht nötig. Für jene Kinder, die ein Jahr länger in den Kitas bleiben würden, hätte das Land bei einer Gesetzesänderung nämlich Geld an die Städte und Gemeinden zahlen müssen.

Für das Ministerium ist es da einfacher, Schulleiter anzuweisen, den Wunsch der Eltern zu respektieren, Anträge in ihrem Sinne zu prüfen. Die Anerkennungsquote von 95 Prozent spreche für sich, sagt Engels.

Landeselternrat und Bürgerinitiative kämpfen aber weiter für eine dreimonatige Vorverlegung des Stichtags. „Wir haben auf der einen Seite zwischen 300 und 400 frühreife Kinder, die eher eingeschult werden, auf der anderen aber 3000 Anträge auf Rückstellung“, rechnet Seelbach vor. Das entspricht einer Quote von 15,2 Prozent – Rekord in Brandenburg.

Was den Gegnern einer Früheinschulung helfen würde, wären Studien aus den vergangenen zehn Jahren. Es gebe aber so gut wie keine Erkenntnisse über den weiteren schulischen Werdegang der Frühstarter, bedauert der Elternrat, und das Ministerium sagt: „Zu aufwendig.“

In anderen Bundesländern, sagt Wolfgang Seelbach, würden Studien schon eine hohe Zahl von Sitzenbleibern belegen.  

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