zur Navigation springen

Bildung : Schule überstimmt Elternwillen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Das Versprechen der Politik, den Elternwillen bei Einschulungen zu stärken, wird jetzt in einem Praxisbeispiel ad absurdum geführt.

Von Mathias Hausding

Die Amtsärztin hat nein gesagt, der Kinderarzt auch, ebenso die Expertin von der über das Sozialamt vermittelten Frühförderung, und die Eltern sowieso. Trotzdem muss Jan (Name geändert) ab Ende August zum Unterricht. Weil die Letschiner Schule in Märkisch-Oderland es so will.

Jan ist noch fünf, erst just zum Schulanfang in drei Wochen wird er sechs. Seine Mutter beschreibt ihn als zierlich, verspielt und hibbelig. „Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren, auch das Halten eines Stifts bereitet ihm Probleme“, erzählt Marion Latarius. Diese und andere Punkte wurden Anfang April auch vom Gesundheitsamt bei der obligatorischen Schuleingangsuntersuchung moniert. Schließlich machte die Medizinerin im Formular ihr Kreuz: „Aus schulärztlicher Sicht wird empfohlen, das Kind noch nicht in die Schule aufzunehmen.“

Ähnlich fallen das Gutachten des behandelnden Kinderarztes sowie das der Frühförderung aus. Carolin Wilke, die sich im Auftrag des Sozialamts seit drei Jahren in wöchentlichen Sitzungen bemüht, Jans Defizite auszugleichen, betont: „Er hat sich gut entwickelt, aber es reicht noch nicht. Er ist nicht schulreif.“

Die Schule sieht es anders, hat nach Auswertung ihres eigenen Tests und der Stellungnahmen den Rückstellungsantrag abgelehnt, verbunden mit dem Versprechen: „Wir bieten im nächsten Schuljahr die optimalen Rahmenbedingungen zur individuellen Entwicklung ihres Sohnes.“ Jans Eltern bezweifeln, dass die Schule diesen Anspruch einlösen kann und setzen sich inzwischen juristisch gegen die bevorstehende Einschulung zur Wehr.

Zwar hat es in der Vergangenheit in Brandenburg immer wieder ähnliche Konflikte gegeben. Nach dem Willen der Landesregierung sollte damit aber nun eigentlich Schluss sein. So hatte Bildungsministerin Martina Münch (SPD) im Februar 2013 auf vielfachen Elternwunsch und weil Studien den Schluss nahelegen, dass ein zu früher Start den Lernerfolg gefährden könne, eine Verlegung des Stichtags vom 30. September auf den 30. Juni angekündigt. Soll heißen: Alle Kinder, die bis zum 30. Juni eines Jahres sechs werden, sind schulpflichtig. Für Jan hätte das bedeutet, dass er automatisch ein Jahr länger im Kindergarten bleibt.

Doch fünf Monate nach Münchs Ankündigung erfolgte der überraschende Rückzieher: Alles bleibt beim Alten. Hinter den Kulissen hieß es zur Begründung, Kommunen hätten sich beschwert, länger für die Kindergartenbetreuung der betroffenen Mädchen und Jungen zahlen zu müssen. Außerdem sollen Schulleiter auf die Barrikaden gegangen sein, weil sie den Verlust von Lehrerstellen an ihren Einrichtungen fürchteten, wenn wegen des neuen Stichtags im ersten Jahr deutlich weniger Schüler starten.

Um ihr Gesicht zu wahren, versprach die Ministerin immerhin, dass künftig der Elternwille bei der Einschulung stärker berücksichtigt werde. Dazu ging ein Schreiben an die Schulleiter raus. Darin heißt es unter anderem, Kinder sollten zurückgestellt werden, „wenn eine Entwicklungsverzögerung vorliegt oder nicht auszuschließen ist“. Ziel sei außerdem, „mit den Eltern gemeinsam eine möglichst einvernehmliche Entscheidung zum Antrag auf Rückstellung herbeizuführen“ und ihrem Antrag „entsprechendes Gewicht“ beizumessen.

Das Problem: Die Prämissen aus dem Ministerium haben nur empfehlenden Charakter. Sie ändern nichts daran, dass die Schule weiterhin kraft Gesetzes das letzte Wort hat. Inwieweit dennoch Bildungseinrichtungen landesweit dem Appell aus dem Ministerium folgen, ist unklar. Es gebe noch keine Rückmeldungen zu den Empfehlungen, so eine Sprecherin der Ministerin kürzlich.

Von der Letschiner Schule war urlaubsbedingt keine Stellungnahme zum Fall Jan zu erhalten. Das Schulamt lehnte einen Kommentar aufgrund des laufenden Verfahrens ab.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen