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Aufarbeitung : Forscher wühlen sich durch rechte Aktenberge

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Potsdamer Wissenschaftler untersuchen seit rund einem Jahr 32 Tötungsdelikte auf einen rechtsradikalen Hintergrund – im Auftrag des Innenministeriums. Doch die Aktenlage ist zuweilen schwierig. Im Mai 2015 soll die Prüfung abgeschlossen sein.

Potsdamer Wissenschaftler untersuchen seit rund einem Jahr 32 Tötungsdelikte auf einen rechtsradikalen Hintergrund – im Auftrag des Innenministeriums. Doch die Aktenlage ist zuweilen schwierig. Im Mai 2015 soll die Prüfung abgeschlossen sein.

Manchmal flüchtet Gebhard Schultz an die frische Luft, braucht Abstand von den verstaubten Akten. Darin steht, wie Zeugen mit ihrer rechten Gesinnung prahlen, Nachbarn den Opfern nicht halfen und wie brutal die Taten abliefen. „Gruselig“ nennt der Politologe die Ausführungen. „Es schlägt einem oft tiefe Empathielosigkeit entgegen“, ergänzt sein Kollege Christoph Kopke.

32 Fälle tödlicher Gewalt untersuchen beide Wissenschaftler des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums, bei denen ein rechtsextremes Motiv vermutet wird. Zumindest nach heutigen Maßstäben, denn politisch motivierte Kriminalität war bis zur Jahrtausendwende eng gefasst. In einer Expertenrunde wird die Aufarbeitung diskutiert. Am Ende soll ein Konsens stehen, sagt Kopke.

Die Forscher wühlen in der Vergangenheit, lesen Polizeiakten und Gerichtsprotokolle, recherchieren im Umfeld der Taten, studieren Einschätzungen der Sicherheitsbehörden, befragen möglicherweise noch Zeugen. Sämtliche Unterlagen liegen ihnen bereits vor. Doch mitunter lässt sich zu Altfällen aus den frühen 90er-Jahren nur noch eine Akte auftreiben „Dann wird es schwierig“, sagt Schultz.

Ein Zwischenergebnis wollen sie in zwei Monaten präsentieren. Ein Drittel der Verfahren haben die Wissenschaftler bereits durchgearbeitet, ohne sie bereits abschließend bewertet zu haben. „Manche Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund finden sich nur am Rande, man muss die Protokolle gründlich lesen“, sagt Schultz.

Mehrere Motive konnten sich überlagern, auf den ersten Blick erscheinen manche Fälle als Raub mit Todesfolge. Allerdings haben sich Vermutungen aus heutiger Sicht, dass die Taten auch von einem Hass gegen Fremde oder Minderheiten gesteuert wurden, meist bestätigt. „Es gibt keinen Fall, wo diese Mutmaßungen weit hergeholt sind“, sagt der 52-Jährige. Darüber hinaus betonen beide Experten, dass sie keine gravierenden Ermittlungsfehler feststellen konnten. Ebenso meinen die Wissenschaftler, dass es keine Anzeichen für eine Vertuschung durch die Behörden gebe. Die Polizei habe damals schnell die Täter fassen können, berichtet Schultz. Nur die Frage nach dem Motiv konnte nicht immer geklärt werden.

Allein schon psychiatrische Gutachter, die sich mit den Tätern intensiv auseinandersetzen, kamen zu unterschiedlichen Erkenntnissen. Manche hätten allein auf eine schwierige Kindheit oder den Alkoholkonsum abgestellt, schildert Kopke. Andere bewerteten die politische Gesinnung und leitete daraus Motive ab. „Die Wahrnehmungen in Prozessen gingen oft weit auseinander.“

Allerdings liegt beiden Soziologen eine Justizschelte fern, sie wollen auch nicht, das Verfahren neu aufgerollt werden. „Wir sagen nicht, dass Urteile falsch waren“, so Kopke. Richter seien an Entscheidungen interessiert, die auch vor höheren Instanzen bestehen sollten. Eine politische Dimension der Taten war ihnen offenbar zu vage. Dirk Wilking, der in der Expertenrunde mitarbeitet, sagt: „Diese Vorsicht war eine Spätfolge der DDR.“

Auch aus Sicht von Wilking, Chef der mobilen Beratungsteams gegen Rechts, lassen sich die Hintergründe vieler Taten kaum noch rekonstruieren. Etwa der Fall Andrzej Fratczak, der von drei Jugendlichen im Jahr 1990 vor einer Diskothek in Lübbenau niedergestochen wurde. Zwei der Angeklagten waren später an einem Angriff auf das dortige Asylbewerberheim beteiligt.

Die Täter seien längst weggezogen, Augenzeugen könnten sich nicht mehr erinnern, so Wilking, der bereits vor Jahren zu dem Fall recherchierte. Zudem sei die Aktenlage „sehr dünn“. Was jedoch nach seiner Auffassung durch die Archivierung begründet ist. „Das Klima der Offenheit ist heute sensationell gut“, betont er. „Alle beteiligten Behörden sind an der Aufarbeitung interessiert.“

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erstellt am 16.Jan.2014 | 08:39 Uhr

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