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Autoschieber : Fehlstart zum Prozessauftakt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Verhandlung gegen Autoschieberbande: Tatverdächtige von deutsch-polnischem Team ermittelt

„Ruhe im Saal! Rücken Sie bitte auf den Besucherplätzen zusammen, denn die Plätze für die Angeklagten und Verteidiger reichen nicht! Und Kaugummi wird hier auch nicht gekaut!“ Immer wieder muss Richterin Oliwia Walkiewicz zum Befehlston greifen und fast schreien, um Herrin des Geschehens im Saal 38 des Landgerichts von Zielona Góra zu bleiben. Dort tummeln sich gestern ungewöhnlich viele Menschen: 17 Angeklagte, von denen vier direkt aus der Untersuchungshaft hergebracht wurden, etwa genauso viele Verteidiger, dazu jede Menge Verwandte und Bekannte, die ihre Angehörigen moralisch unterstützen wollen, und natürlich Journalisten. Trotzdem stellt die Richterin schon noch wenigen Minuten fest, „dass wir heute nicht mit der Verhandlung beginnen können“.

Da fünf der 22 Angeklagten gar nicht erst erschienen sind und sich auch ein Verteidiger krank gemeldet hat, darf nicht einmal die Anklage verlesen werden. Und als ein Verteidiger auf die Frage, weshalb sein Mandant nicht erschienen sei, zur Antwort gibt: „Er hat Probleme mit seinem Auto“, kann sich so mancher im Saal das Lachen nicht mehr verkneifen. Denn eigentlich soll hier der Diebstahl von 152 Autos verhandelt werden, von denen 135 in Brandenburg und anderen deutschen Bundesländern sowie 17 in Polen entwendet wurden. Der Gesamtschaden liegt bei mehr als einer Million Euro.

Weil die Untersuchungen in diesem Komplex erstmals von einem „Joint Investigation Team (JIT)“ geführt wurden – so lautete die englische Bezeichnung für das erste „Gemeinsame Ermittlungsteam“, das aus Brandenburger und polnischen Kriminalisten sowie Staatsanwälten bestand – hat das Verfahren auch eine politische Bedeutung. Bereits ab Ende 2011 waren Ermittler der „Soko Grenze“ und des Landeskriminalamtes auf die Bande gestoßen, die sich vorwiegend auf Kleintransporter und Luxuswagen der Marken VW, Mercedes, Audi und Ford spezialisiert hatte und deren Spuren in den Raum Zielona Góra führten. Doch es sollte noch dauern, bis im November 2013 endlich das erste deutsch-polnische JIT zustande kam, nachdem mit anderen EU-Ländern schon mehr als 30 ähnliche Teams gebildet worden waren.

Als dann aber die Ermittler aus beiden Ländern ihre Erkenntnisse auf einem verkürzten Rechtsweg austauschen und auch Observierungen gemeinsam durchführen konnten, habe es gegenüber früheren Fällen sehr viel größere Erfolge gegeben, loben die Beteiligten. „Ohne die deutsche Hilfe und die Bündelung der Kräfte mit der Staatsanwaltschaft in Frankfurt (Oder) würde die Anklageakte wohl nur die 17 Diebstähle auf polnischem Territorium umfassen“, hatte Zbigniew Fafera von der Staatsanwaltschaft Zielona Góra noch zu Wochenbeginn erklärt.

Für die polnische Bevölkerung hat das Verfahren auch insofern Bedeutung, als vielen Menschen im Nachbarland die deutschen Klagen über die Autodiebstähle noch immer für übertrieben halten.

Die Richterin nutzte die Gelegenheit, die erschienenen Angeklagten – bis auf eine junge Frau handelt es sich ausschließlich um Männer zwischen 20 und 65 Jahren – nach ihren materiellen und familiären Verhältnissen zu befragen. Viele gaben an, entweder nur über ein geringes oder gar kein Einkommen zu verfügen, dafür aber für Frau und Kinder verantwortlich zu sein. Im auffälligen Gegensatz dazu stand, dass zumindest einige Angeklagte anschließend im Audi wegfuhren. Richterin Walkiewicz legte den nächsten Verhandlungstermin auf April.

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