70. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager : Erinnern an das Unvorstellbare

Patrick PleulPatrick Pleul
Patrick PleulPatrick Pleul

Direkt am jüdischen Ehrenfriedhof sollen unter freiem Himmel aufgestellte Stelen mit Reproduktionen von Orginaldokumenten an die Stationen des Häftlingstransports und seine Opfer erinnern.

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25. März 2015, 22:00 Uhr

Sachsenhausen, Oranienburg und Ravensbrück sind in der Welt bekannt: Orte, an denen die Mörder des nationalsozialistischen Regimes zehntausende Menschen um ihr Leben brachten. Tröbitz im Landkreis Elbe-Elster ist ein weniger bekannter Ort. Doch dort endete vor rund 70 Jahren die wochenlange Irrfahrt eines Zuges mit Überlebenden aus dem in der Lüneburger Heide gelegenen Konzentrationslager Bergen-Belsen. Der so genannte „Verlorene Zug“, von dessen 2  500 Insassen mindestens 133 ums Leben kamen. Entlang der Gleise wurden sie begraben – zum Beispiel in Wittenberge, wo 26 Insassen des Zuges bei einem Luftangriff starben. Ihre Grabstelle ist bis heute nicht bekannt.

Am 23. April, unmittelbar nach den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen, wird in Tröbitz eine neue Ausstellung eingeweiht, die an den „Verlorenen Zug“ und seine Insassen erinnern soll. Direkt am jüdischen Ehrenfriedhof sollen unter freiem Himmel aufgestellte Stelen mit Reproduktionen von Orginaldokumenten an die Stationen des Häftlingstransports und seine Opfer erinnern. Auch an den Bombenangriff in der Prignitz.

„In Tröbitz sind die Ereignisse rund um den verlorenen Zug bei Kriegsende bis heute tief verankert“, sagte der Amtsdirektor des Amtes Elsterland, Andreas Dommaschk, gestern in der Potsdamer Staatskanzlei. „Die Bewohner des Ortes sahen und sehen es als ihre humanitäre Aufgabe an, die Erinnerung an die Geschehnisse wach zu halten.“ Seit 1945 würden der jüdische Friedhof und die Grabstellen gepflegt, Gedenkfeiern organisiert und die Ereignisse dokumentiert. „Allen Beteiligten ist bewusst, dass die Lehren aus diesem Kapitel der deutschen Geschichte immer wieder neu erarbeitet und vermittelt werden müssten“, sagte Dommaschk. „Aus der Praxis der Erinnerung erwächst humanitäres Verhalten.“

Kultusministerin Sabine Kunst (SPD) und Vertreter der Brandenburger Gedenkstätten stellten gestern zudem die Programme für die Erinnerungsfeiern zum Jahrestag der KZ-Befreiung vor. Rund 160 KZ-Überlebende aus dem In- und Ausland werden dazu erwartet. „Wir freuen uns sehr darüber, zumal viele der Überlebenden bereits in den 90er Lebensjahren sind“, sagte der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Leiter des Museums Sachsenhausen, Günter Morsch. Es könnte die letzte Gelegenheit sein, „um mit den Augenzeugen der NS-Verbrechen ins Gespräch zu kommen.“

Zudem stünden Lesungen aus Werken von Überlebenden, Konzerte und Gottesdienste auf dem Programm der Gedenkfeierlichkeiten. Für die Bundesregierung werden die Minister Frank-Walter Steinmeier und Johanna Wanka daran teilnehmen, zahlreiche ausländische Staaten sind durch Regierungsvertreter und Botschafter vertreten. Die Länder Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind durch Ministerpräsident Dietmar Woidke und die Landtagspräsidentinnen Sylvia Bretschneider und Britta Stark vertreten.

„An Orten wie Sachsenhausen, Ravensbrück, Jamlitz und Schlieben-Berga, aber auch Below und Tröbitz wird besonders augenscheinlich, von welchem unbarmherzigen, menschenverachtenden System Deutschland mit dem Kriegsende befreit wurde“, sagte Sabine Kunst. „Was da geschehen ist, macht einen immer wieder fassungslos.“

Die Landesregierung unterstütze die Arbeit der brandenburgischen Gedenkstätten daher mit rund 3,6 Millionen Euro. Besonders würdigte die Ministerin die Rolle lokaler Initiativen an kleineren Gedenkstätten, wie etwa in Tröbitz. „Die Gedenkstätten bieten Chancen, die wir nutzen müssen, um frühzeitig gegen den Rechtsradikalismus einzutreten.“

Benjamin Lassiwe
 

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