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Pädagogenverband kritisiert Münch : Eine Schule für alle Schüler

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Brandenburgischen Pädagogenverband die Ministerin aufs schärfste. Die Besetzung der Präsidentenstelle des künftigen Landesschulamts liegt nach Intervention von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke auf Eis und soll erst nach der Landtagswahl entschieden werden.

Felix liegt auf dem Boden seines Klassenzimmers, und übt das „O“. Ungelenk malt er den Buchstaben auf ein Blatt Papier. Neben ihm macht Finn eine Leseaufgabe: Welche Substantive haben welchen Artikel. Heißt es das Xylophon oder die Xylophon? Alltag in der Lerngruppe A der Falkenseer Geschwister-Scholl-Grundschule. Kinder der ersten bis dritten Klasse werden hier gemeinsam unterrichtet, jahrgangsübergreifend und mit Elementen der Montessori-Pädagogik. Felix hat das Down-Syndron. Eine Einzelfallhelferin kümmert sich besonders um ihn – doch im Alltag der Falkenseer Grundschule fällt das gar nicht auf.

Die Schule im Berliner Speckgürtel ist eine von 84 Pilotschulen, an denen Brandenburg die Inklusion erprobt – in der lernbehinderte Kinder gemeinsam mit ihren Altersgenossen unterrichtet werden, statt eine Förderschule zu besuchen. Eine Schule mit engagierten Eltern aus gutbürgerlichen Verhältnissen, wie Schulleiter Michael Heinrich fast verschämt einräumt. Eine Schule, die in ihren Lerngruppen neben der Klassenlehrerin noch acht Wochenstunden Unterrichtszeit einer Sonderpädagogin und fünf Wochenstunden einer Zweitlehrerin einsetzen kann. Und die Einzelfallhelferin für Felix.

Eine Schule, die Bildungsministerin Martina Münch (SPD) als Beispiel wählte, um nach zwei Jahren „Inklusive Grundschule“ Bilanz zu ziehen. „Die Diskussion hat sich beruhigt“, so die Bildungsministerin. „Es geht bei der Inklusion nicht mehr darum, ob sie stattfindet, sondern nur noch darum, wie sie stattfindet.“ Münch nennt einige Meilensteine: In den Fächern Deutsch und Mathematik habe man eine deutliche Lernentwicklung, insbesondere bei leistungsschwachen Schülern erlebt.

An der Universität Potsdam wird in allen Lehramtsstudiengängen auch das Thema Inklusion unterrichtet. Lehrkräfte wurden qualifiziert, Inklusionsberater eingesetzt. In der Hortbetreuung übernähmen das Land die Kommunen mittlerweile die zusätzlichen Kosten für Kinder mit Handicaps, die bisher von den Eltern allein getragen werden mussten. In Falkensee allerdings schüttelt Elternvertreterin Annemarte Christ erst einmal ungläubig mit dem Kopf, als sie das hört. Ganz bis an die Basis hat sich die Neuregelung offenbar noch nicht herumgesprochen.

Und auch die Landtagsopposition ist mit der Inklusion keineswegs zufrieden. Während sich die Elternvertreter der Falkenseer Grundschule positiv über ihre Erfahrungen äußerten, erklärt der Prignitzer Landtagsabgeordnete und CDU-Bildungspolitiker Gordon Hoffmann, dass Lehrer, Eltern und Schüler im Land „in Sorge sind vor dem, was da kommt.“ Es sei völlig offen, wie die Inklusion an den Schulen künftig so ausfinanziert und ausgestaltet werden könne, dass sie am Ende gelingt.

„Wir haben zu wenig Lehrer, zu große Klassen, zu wenig Sozialarbeiter und niemand weiß, wie es an den weiterführernden Schulen weitergeht“, fasst der FDP-Bildungspolitiker Andreas Büttner zusammen. „Ich erwarte, dass die Ministerin einen Fahrplan erstellt, aus dem ersichtlich wird, welche konkreten nächsten Schritte zu erwarten sind“, sagt die Grünen-Politikerin Marie-Luise von Halem.

Einen konkreten Fahrplan hat Martina Münch auch in Falkensee nicht in der Tasche. Wohl aber Vorstellungen, wie es nun weitergehen soll: „Wir müssen die Schulen noch stärker regional vernetzen“, sagt Münch. Im Herbst werde dann der wissenschaftliche Beirat einen weiteren Bericht über das Pilotprojekt vorlegen. „Und dann wird es Sache des neuen Landtags, die Schule für alle fest im Brandenburger Schulgesetz zu verankern.“

Derweil kritisiert der Brandenburgischen Pädagogenverband die Ministerin aufs schärfste. Die Besetzung der Präsidentenstelle des künftigen Landesschulamts liegt nach Intervention von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) auf Eis und soll erst nach der Landtagswahl entschieden werden. Woidke habe die Kabinettsvorlage von Bildungsministerin Martina Münch (SPD) zurückgepfiffen, sagt Hartmut Stäker vom Brandenburgischen Pädagogenverband und wertet dies als weiteren Tiefschlag für die Ministerin, die schon mit den Themen Inklusion und Nachwuchsgewinnung gescheitert sei.

Münch hatte eigentlich vor, ihre Büroleiterin Katrin Düring ab 1. Oktober zur Präsidentin des Landesschulamts zu machen. Sie war nach einer internen Ausschreibung im Frühjahr die einzige Kandidatin für den Posten, hätte aber nach Aussagen von Stephan Breiding, Sprecher des Bildungsministeriums, vom Kabinett bestätigt werden müssen. „Wir sind davon ausgegangen, dass sich mehrere bewerben“, sagt Breiding, wehrt sich aber gegen den Vorwurf des Pädagogenverbandes, die Stelle hätte öffentlich ausgeschrieben werden müssen.

Auch die bereits beschlossene Schulamtsreform ist eine Baustelle des Ministeriums. Künftig soll es neben dem Landesschulamt nur vier Regionalämter in Neuruppin, Frankfurt (Oder), Cottbus und Brandenburg/Havel geben, die für die Verteilung der Lehrer zuständig sind. Der Pädagogenverband bezweifelt nicht nur Sinn und Zweck der Reform, sondern sieht durch die unbesetzte Präsidentenstelle den Start der neu strukturierten Behörde gefährdet.

Für das Ministerium ist das Verfahren de facto abgeschlossen. Man halte sich nur an die von der Regierung verabschiedete Vereinbarung, nach der herausgehobene Positionen nicht mehr vor der Wahl im September besetzt werden sollen. Den Start des Landesschulamts sieht Breiding durch die offene Personalentscheidung nicht gefährdet. Zunächst werde ein Stellvertreter die Behörde leiten.


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