Universität Potsdam : „Ein 177 Jahre alter Traum wird wahr“

Rabbiner Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs, geht  über den Campus der Universität Potsdam. Hier wird heute die „School of Jewish Theology“ offiziell eröffnet.
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Rabbiner Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs, geht über den Campus der Universität Potsdam. Hier wird heute die „School of Jewish Theology“ offiziell eröffnet.

In Potsdam wird erstmals Jüdische Theologie an einer deutschen Universität gelehrt. Etwa jeder zweite Studierende will Rabbiner werden.

svz.de von
10. Dezember 2013, 15:08 Uhr

An der Universität Potsdam wird heute Abend mit einem Festakt eine wahrhaft neuartige Einrichtung eröffnet. An der „School of Jewish Theology“, die an Europas Hochschulen ihresgleichen sucht, kann man Jüdische Theologie studieren.

Um evangelischer Pfarrer oder katholischer Priester zu werden, muss man neben der kirchlichen Ausbildung auch die entsprechende Religion an einer Hochschule studieren. Selbst zum islamischen Imam kann man sich seit zwei Jahren in Tübingen (Baden-Württemberg) ausbilden lassen. Mit dem Judentum dagegen beschäftigen sich in Deutschland bisher nur Studiengänge aus rein wissenschaftlicher Sicht. Deshalb ist es so etwas Besonderes, was sich an der Uni Potsdam jetzt tut.

„Ein 177 Jahre alter Traum wird endlich wahr“, sagt Walter Homolka. Er leitet das „Abraham-Geiger-Kolleg“ in Berlin, das nach einem Rabbiner benannt ist, der schon 1836 eine eigene Jüdische Fakultät an deutschen Hochschulen und damit die Gleichstellung der Ausbildung von Rabbinern und christlichen Geistlichen gefordert hatte. Deutschland oder noch genauer gesagt Preußen war damals die Geburtsstätte des modernen Judentums. Wissenschaftler, Beamte und Offiziere jüdischer Religion trugen zur Entwicklung des Landes bei. Ein theologisches Seminar in Breslau und die von Geiger gegründete Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin blieben jedoch auf Juden beschränkte Einrichtungen.

Der Traum von der Gleichstellung wurde nicht nur nicht erfüllt, sondern während der Nazizeit zerstört. Leo Baeck (1873-1956), namhafter Vertreter des liberalen Judentums, sollte angesichts des Holocaust sagen: „Unser Glaube war es, dass deutscher und jüdischer Geist auf deutschem Boden sich treffen und durch ihre Vermählung zum Segen werden könnten. Dies war eine Illusion – die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei.“ Genau 75 Jahre nach dem Novemberpogrom vom 9. November 1938 sieht es danach aus, dass sich Baecks traurige Prognose doch nicht erfüllt. 47 junge Leute, die aus zahlreichen Ländern kommen, haben bereits im Oktober mit dem Studium der Jüdischen Theologie in Potsdam begonnen.

Etwa die Hälfte von ihnen will Rabbiner werden. Heute Abend wird das Institut, an dem es auch neun Professuren geben soll, offiziell eröffnet. „Es war kein leichter Weg“, sagen Walter Homolka und der Präsident der Uni Potsdam, Oliver Günther. Der Brandenburger Landtag musste das Hochschulgesetz ändern, denn bisher war eine Ausbildung von Theologen im Verein mit religiösen Gemeinschaften hierzulande nicht vorgesehen. In die dafür nötige Kommission wurden Vertreter des liberalen wie auch des konservativen Judentums berufen. Neben dem Geiger-Kolleg wurde am Wochenende auch das konservative „Zacharias-Frankel-College“ in Potsdam gegründet.

Einer der neuen Studierenden ist der 24-jährige US-Amerikaner Maximilian Feldhake. Wie viele der 47 hat er einen ungewöhnlichen Lebensweg, war er doch vor einigen Jahren als Au-pair nach Dresden gekommen. Jetzt will er Rabbi werden – hier in Deutschland, dem Land, wo sieben Jahrzehnte nach dem Holocaust wieder rund 200 000 religiöse Juden leben.

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