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Interview mit Frank Häßler : „Die Heime der Haasenburg waren nicht schlechter als andere“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein dem umstrittenen Heimbetreiber nahestehender Experte erklärt, was die Haasenburg aus seiner Sicht hätte besser machen können.

Frank Häßler ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Rostock. Für die umstrittenen Brandenburger Haasenburg-Kinderheime hat er in einem Gutachten einen massiven Ausbau der geschlossenen Unterbringung von Kindern und Jugendlichen gefordert. Benjamin Lassiwe hat mit dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie gesprochen.

Warum halten Sie die geschlossene Unterbringung von Kindern und Jugendlichen für nötig?
Frank Häßler: Weil es einige Kinder und Jugendliche gibt, die mit dem weit gestaffelten System der Jugendhilfe nicht zu erreichen sind. Wir nennen sie „Systemsprenger“ – hochproblematische junge Menschen, die wir aber vor dem Jugendgefängnis bewahren müssen. Für diese Kinder und Jugendlichen ist die geschlossene Unterbringung oft die letzte Chance.
Warum braucht es für diese Gruppe eine geschlossene Unterbringung?
Es sind Kinder und Jugendliche, die in hohem Maße dissozial auffällig geworden sind, die sich selbst und anderen Personen schaden, Gebäude und Sachen beschädigen. In solchen Situationen haben wir auch eine Verantwortung den Opfern gegenüber: Wir müssen darauf achten, dass sich die Taten der Jugendlichen nicht wiederholen. Mit einem unverbindlichen Aufenthalt in einem Kinderheim erreichen wir das nicht. Nur mit einer geschlossenen Unterbringung werden wir unserer Sorgfaltspflicht den Betroffenen und ihren potenziellen Opfern gegenüber gerecht.
Wie hoch ist aus Ihrer Sicht der Bedarf für geschlossene Unterbringung?
Derzeit gibt es etwa 300 Plätze für eine geschlossene Unterbringung in Deutschland. Und in rund 750 Fällen empfehlen Gutachter jährlich diese Unterbringungsform. Das heißt, wir haben jedes Jahr eine Lücke von rund 450 Plätzen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass manche Kinder länger als ein Jahr in solch einer Unterbringung bleiben. Da kann sich dann jeder schnell ausrechnen, dass diese Lücke größer ist. Ich rechne mit dem drei bis vierfachen des heutigen Angebots, jedenfalls mit deutlich mehr als 1000 Plätzen.
Ein Betreiber eines Heims für geschlossene Unterbringung, die Brandenburger Haasenburg, ist massiv in die Kritik geraten. Können Sie das nachvollziehen?
Teils, teils. Ich bin dort selbst gewesen und kenne die Haasenburg, weil ich vor Ort Gutachten mit Bewohnern durchgeführt habe. Und ich kannte die Einrichtung aus Hilfeplangesprächen und Verfahren, weil wir auch unsere Patienten in die Haasenburg gegeben haben. Ich kann mir deswegen gut vorstellen, dass es an der Einrichtung Kritik gab – ich habe aber auch das Gutachten der unabhängigen Expertenkommission gelesen und freue mich darüber, dass die Kommission nicht zu dem Ergebnis gekommen ist, die Einrichtung zu schließen. Das war eine einsame Entscheidung der Brandenburger Bildungsministerin, die durch nichts sachlich gerechtfertigt ist. Die Haasenburg hat ja nicht im rechtsfreien Raum agiert: Alle Kinder sind dort mit einem Gerichtsbeschluss nach fachlicher Begutachtung eingewiesen worden.
Sie sehen bei der Haasenburg keinen Verbesserungsbedarf?
Nein, keine Einrichtung ist perfekt. Die Haasenburg hätte meiner Ansicht nach mehr externe Expertise benötigt. Mehr Supervision. Eine bessere Öffentlichkeitsarbeit und eine stärkere Kooperation mit anderen Institutionen. Die Besuchskommission für Krankenhäuser mit psychiatrischen Einrichtungen hätte man stärker informieren und involvieren müssen. Da ist einiges verbesserungswürdig. Und vor dem Jahr 2010 hat es sicher noch mehr Mängel gegeben, die durch interne Qualitätsmaßnahmen abgestellt wurden. Aber ich gehe wie die Untersuchungskommission des Ministeriums davon aus, dass die Haasenburg auf keinen Fall schlechter war als vergleichbare Einrichtungen in Deutschland.

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