Die Bosse der Genossen

Podium: Ex-Kombinatsdirektor Heiner Rubarth, Moderator Ralf Döscher und der frühere EKO-Chef Karl Döring (v. l.)
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Podium: Ex-Kombinatsdirektor Heiner Rubarth, Moderator Ralf Döscher und der frühere EKO-Chef Karl Döring (v. l.)

Zwei frühere DDR-Generaldirektoren erzählen in Frankfurt ihre Sicht der Dinge

svz.de von
25. März 2014, 11:54 Uhr

Seit einigen Monaten lädt der Berliner Verlag Rohnstock zu Lesungen mit früheren DDR-Generaldirektoren – mit großer Resonanz. Sie beschwören den Kollektivgeist der Kombinate und wollen die eigene Lebensleistung gewürdigt sehen.

Die Zuhörer stehen zackig auf, lassen sich das Mikrofon reichen, aber Fragen an die beiden Herren im Podium haben nur wenige. Vielmehr will jeder über seine Rolle im Arbeiter- und Bauernstaat erzählen, und von Demütigungen nach der Wende. Kritik am Sozialismus äußert niemand. Die DDR lebt noch einmal auf an diesem Tag in Frankfurt (Oder).

Das Thema zieht: Der Raum der Buchhandlung Ulrich von Hutten ist weit vor Beginn der Lesung überfüllt, Besucher sitzen auf Fensterbänken oder stehen dicht gedrängt. „So voll war es nicht einmal bei Christa Wolf“, sagt Buchhändler Falko Micklich. „Dieses Interesse berührt“, meint Karl Döring, einer der beiden Ex-Wirtschaftslenker.

Döring war zwischen Generaldirektor des VEB Band-stahlkombinats und Direktor des EKO Eisenhüttenstadt – in der Region ein bekannter Mann. Nach der Wende konnte er den Betrieb weiterführen. Eine Karriere in zwei Systemen glückte auch Heiner Rubarth, Ex-Generaldirekor des VEB Elektromaschinenbau Dresden. Beide lesen Passagen aus dem Buch „Die Kombinatsdirektoren – Jetzt reden wir!“, das im Verlag Rohnstock erschienen ist.

„Mich hat damals niemand vom Hof gejagt“, betont Döring, der in den 80er-Jahren „per Marschbefehl“ als stellvertretender Bergbauminister nach Eisenhüttenstadt beordert wurde, um die immens wichtige Stahlproduktion zu leiten. Unter seiner Führung sollten Probleme mit dem Konverterstahlwerk, dem größten Westimport der DDR, behoben werden. Von einem gemütlichen Haus in Berlin zog er in eine kleine Wohnung nach Eisenhüttenstadt.

Ungewöhnlich ist seine folgende Karriere auch deshalb, da die meisten DDR-Kombinatsdirektoren in der Marktwirtschaft gehen mussten. Ebenso behielt Heiner Rubarth, der ein Vierteljahrhundert im EKO arbeitete und 1988 in die Elektromaschinenindustrie wechselte, vorerst seinen Posten. Ein Jahr nach der Wiedervereinigung gab er auf. „Ich konnte diese Strategie des Zerschlagens einfach nicht akzeptieren“, sagt der 73-jährige Manager und kritisiert die frühere Treuhandgesellschaft. Rubarth ist bis heute als Unternehmensberater tätig – Schwerpunkt Insolvenzen. Ihm liegt besonders am Herzen, die Leistung der DDR-Betriebe angesichts der materiellen Engpässe und politischen Zwänge zu würdigen. „Wir dürfen stolz sein auf unsere Lebensleistung“, so Rubarth.

Man habe damals für die Gemeinschaft etwas geschaffen, sich gegenseitig unbürokratisch geholfen, meint der Mann aus dem sächsischen Pirna. „Wir wollten keine Boni“, meint Rubarth. Solche Sätze sind es, die das Publikum hören will und die enthusiastisch beklatscht werden. Die Stimmung ist gelöst.

Kritik an der sozialistischen Produktion lassen beide Bosse nicht gelten: Rubarth ist noch heute von der Qualität der in seinem Kombinat hergestellten Motoren überzeugt. „Die haben die DDR überlebt und werden auch uns überdauern“, sagt er. Döring würdigt die guten Wirtschaftsbeziehungen zur Sowjetunion, von denen er später zehren konnte. „Unser Heimatmarkt ging nach der Wende den Bach runter, aber mit Moskau haben wir einen neuen Millionenvertrag unterzeichnet“, erzählt er. EKO war gerettet.

Anfang der 90er-Jahre kamen zudem immer noch Führungskräfte der russischen Stahlindustrie, die in Eisenhüttenstadt geschult wurden. „Die stellten sich bestimmt die Frage, ob sie dem Döring noch trauen können, dem neuen kapitalistischen Vorstandsvorsitzenden“, erzählt der 76-Jährige mit spöttischem Unterton. Alle lachen. Der Kapitalismus ist an diesem Abend nicht wohl gelitten.

Die Direktoren liefern genügend Reizpunkte, ihre Zuhörer sind froh über die Vorlagen. Sie fordern gesellschaftliche Veränderungen. „Wir sollten der Jugend sagen, dass wir nicht am Ende der Geschichte stehen“, meint eine Frau. Ein Geschäftsführer beklagt, in den Konkurs getrieben worden zu sein. Und ein weiterer Gast fordert die beiden Wirtschaftslenker auf, sich mehr politisch zu engagieren. Rubarth und Döring wollen den Wunsch nicht erfüllen. „Geld regelt heute leider alles“, sagt Döring. Jegliches Protestpotenzial werde dadurch unterdrückt. Er blickt in traurige Gesichter.

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