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Politik BB

20. November 2017 | 20:18 Uhr

Diagnosen aus der Ferne

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein Brandenburger Unternehmen bietet Telemedizin-Technik für Notfälle auf hoher See an

Die beiden Computerspezialisten führen ein kleines Schauspiel auf, um ihre Technik zu demonstrieren. Sebastian König mimt in einer Loft-Etage des Technologieparks Wildau den Kapitän, der einen Seemann mit akuten Brustschmerzen versorgen muss, Trong-Nghia Nguyen-Dobinsky den Arzt, der Anweisungen aus der Ferne gibt. Verbunden sind sie über eine Software, mit der alle wichtigen Vitaldaten gesendet werden können. Ist der Patient ansprechbar? König klickt im Laptop auf „ja“. Beim Puls: „unsicher“. Nguyen-Dobinsky schickt ihm daher eine Grafik auf den Bildschirm, wie er den Herzschlag ertasten muss. Dann dirigiert er mit einem weiteren Bild den Anschluss von Elektroden für das EKG. Über eine Kamera schaut er König in die Pupille. „Sieht nicht gut aus“, meint Nguyen-Dobinsky. „Schocken.“

Den Defibrillator setzen beide in dieser Vorführung allerdings lieber nicht ein. „Das ist alles wie in der Klinik, nur der Kranke ist nicht vor Ort“, sagt Nguyen-Dobinsky, Chef der Firma Global Health Care, die sich auf Telemedizin spezialisiert hat. Die Ausgründung der Berliner Charité hat vor allem in der Behandlung von Notfällen, für die kein Sanitäter oder Arzt anrücken kann, einen riesigen Markt entdeckt. „AescuLink“, so heißt die Software, hat mehrere Testphasen absolviert. Bislang wurde für die Lufthansa erprobt, wie das Bordpersonal per Telemedizin einen kranken Passagier versorgen kann.

Ebenso haben die Container-Reederei Hapag Lloyd und die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffsbrüchiger das Notfallsystem getestet. Auch eine Polarstation und Betreiber von Offshore-Windparks zählen zu den Kunden. „Alle Abläufe funktionieren“, sagt Nguyen-Dobinsky. In den Kliniken selbst wurden Ärzte für die virtuellen Behandlungen geschult. „Sie müssen sich in die räumliche Situation hineindenken, eine ruhige Stimme trainieren und etwas Pädagogik lernen“, erklärt König.

Das Unternehmen trifft den Nerv der Zeit: Gerade in entlegenen Regionen soll Telemedizin künftig verstärkt zum Einsatz kommen. Mit dem geplanten eHealth-Gesetz, das 2016 in Kraft treten soll, will die Bundesregierung die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantreiben. Dazu plant die Große Koalition finanzielle Anreize – auch um Widerstände unter niedergelassenen Ärzten aufzuweichen.

Fest steht: Eine reine virtuelle Sprechstunde von Arztpraxen wird es auch künftig nicht geben. Flächendeckend funktioniert Telemedizin noch nirgendwo in Deutschland. In Brandenburg gab es allerdings mehrere Pilotprojekte. Derzeit werden dort rund 1500 Herzkranke über ein Telemedizin-Projekt der Charité betreut. Sie werden zwar weiterhin von Fachärzten untersucht, in der Zwischenzeit soll ihr Gesundheitszustand jedoch engmaschig beobachtet werden. Bei vielen Bürgern kommt die Digitalisierungswelle ohnehin an: Immerhin ein Drittel der Deutschen begrüßt laut einer aktuellen Studie die Weitergabe von elektronischen Gesundheitsdaten an Krankenkassen.

Und „AscuLink“ soll Leben retten. „Wenn man mehrere Wochen mit einem Handelsschiff auf hoher See unterwegs ist, kann man bei Notfällen nicht einfach in die nächste Praxis fahren“, sagt Nguyen-Dobinsky. Daher gibt es auf Schiffen immer kleine Hospitäler mit zwei Krankenbetten und Schränken voll mit Medikamenten. Nur der Doktor fehlt. Die Kapitäne wiederum werden zusätzlich als Sanitäter ausgebildet, sie können Spritzen setzen, Kanülen legen, Wunden nähen. „Wenn jedoch einer aus der Crew einen Infarkt erleidet, kann es hektisch werden“, erläutert der 60-jährige Geschäftsführer.

Daher werden die medizinischen Geräte an Bord von den Kliniken aus bedient. Dort werden auch Vitaldaten ausgewertet. „Es hat immer eine psychologisch positive Wirkung, wenn da ein Arzt mit weißem Kittel und einem Namensschild mit Doktortitel auf dem Bildschirm erscheint“, sagt Nguyen-Dobinsky.

Geht es nach dem Geschäftsführer von Global Health Care, soll die neue Technologie auch im häuslichen Bereich eingesetzt werden. Verbindungsprobleme wurden mit einer intelligenten Datenübertragung gelöst. Wird die Leitung dünn, werden automatisch die wichtigsten Parameter gesendet, die Videokommunikation bleibt vorübergehend abgeschaltet. „Ärzte lassen sich durch Telemedizin nicht ersetzen, aber sie erfahren Unterstützung“, sagt Nguyen-Dobinsky. „Man kann ja keinen Roboter in entlegene Orte schicken.“ Zudem gibe es ethische Grenzen für den Einsatz. „Für viele Behandlungen muss ein Mediziner zwingend dem Patienten gegenübersitzen“, so der Firmenchef. „Wir können ja von hier aus keine Händchen halten.“

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