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Porträt : Der Überraschungskandidat

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke muss schon nach einem Jahr sein Amt verteidigen

Es ist etwas mehr als ein Jahr her, da machte sich Dietmar Woidke die ersten Gedanken über die Landtagswahl. Welche Plakate klebe ich in meinem Wahlkreis? Welche Veranstaltungen biete ich an? So wie jeder Landtagsabgeordnete spürte auch der damalige Innenminister, dass die Legislaturperiode zu Ende geht. Dann kam die Erkrankung von Matthias Platzeck, der Rücktritt – und plötzlich wurde Woidke zum Ministerpräsidenten, der sein Amt verteidigen muss.

Eine Aufgabe, die dem SPD-Politiker nicht sonderlich schwer fällt: Mehr als 70 Prozent der Brandenburger kennen den Ministerpräsidenten nach einem Jahr im Amt, mehr als 59 Prozent finden seine Arbeit gut. In den Umfragen liegen die Sozialdemokraten deutlich über 30 Prozent, mit großem Abstand vor den Mitbewerbern.

Solide und geradlinig wirkt Woidke im Wahlkampf. Fast ein bisschen preußisch sieht es aus, wenn der großgewachsene Forster auftritt. Kritische Themen, etwa die umstrittene Polizeireform, versuchte der SPD-Ministerpräsident in den letzten Monaten vor der Landtagswahl mit Last-Minute-Korrekturen von der Tagesordnung zu räumen.

Doch dann kam ein Zeitungsinterview.„Aus der Erfahrung der aktuellen Regierungsarbeit gibt es keinen Grund, den Partner zu wechseln“, sagte Woidke – eine Aussage, die im Wahlkampf als Koalitionsaussage verstanden wurde. Heute, in seinem Büro in der Staatskanzlei, rudert der Ministerpräsident zurück. „So war das nicht gemeint“, sagt Woidke. Mit allen Kräften versucht er, den einmal gesagten Satz zurückzuholen. „Wir werden mit der Linken und der CDU sondieren.“ Verhandlungsmasse und Konfliktpunkte gebe es schließlich mit beiden möglichen Koalitionspartnern. Bei den Linken ist es die Gemeinschaftsschule, bei der CDU die Abschaffung des Schüler-Bafögs.

War das Interview also nur ein Lapsus im Wahlkampf? Oder kaltblütige Strategie? Immerhin hatte es Wirkung: Der CDU-Herausforderer Michael Schierack distanzierte sich kurze Zeit später von der AfD – eine Forderung, die Woidkes SPD lange an ihn herangetragen hatte.

Wie das Verhältnis zwischen den beiden Lausitzern ist? Woidkes Antwort fällt vernichtend aus. „Ich kenne Herrn Schierack nicht näher.“ Stattdessen betont er die Nähe zum alten Kämpen der Brandenburger CDU, Dieter Dombrowski, der nach der Abgabe des Fraktionsvorsitzes an Michael Schierack in den letzten Monaten fast völlig aus der Öffentlichkeit verschwunden ist.

Doch draußen im Land, bei den Veranstaltungen des Wahlkämpfers Woidke, stellt sich die Koalitionsfrage ohnehin nicht. Hier kommen die Menschen, um einen Blick auf den „neuen Herrn Platzeck“ zu erhaschen. Woidke nimmt sich für sie Zeit – auch auf der Straße, wenn er mal nicht im Dienstwagen unterwegs ist. Etwas weniger herzlich vielleicht als sein Amtsvorgänger, der immer alle gleich umarmte, herzte, für sich vereinnahmte. Aber auch etwas verbindlicher und energischer.

Zuweilen kommt auch noch der alte Innenminister bei Woidke durch: Bei Polizisten, THW-Helfern und Feuerwehrleuten bleibt er oft besonders lange stehen. Und bei Pfarrern und Pastoren.

Seine Verwurzelung in der Evangelischen Kirche verleugnet Woidke nicht: Der zu DDR-Zeiten in der Studentengemeinde erfahrene Glaube ist ihm wichtig. Wenn die Evangelische Kirche 2017 den 500. Jahrestag der Reformation begeht, will sich Woidke einige Tage freinehmen, um wieder Kirchenführungen anzubieten – wie einst 1983, als Student im Lutherjahr.

Zuvor will Woidke noch eine Landtagswahl gewinnen. Dass er es schaffen wird, daran zweifelt in Brandenburg eigentlich niemand mehr.

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