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Studie : Der Sozialbereich boomt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Trotz einer bislang guten Entwicklung in Brandenburg vermissen Soziologen Konzepte für die Zukunft. Die Zahlen sind beachtlich: 18 000 Vereine, 350 Gesellschaften, 160 Genossenschaften und 180 Stiftungen zählt der Dritte Sektor in Brandenburg.

Erstmals wurde in einer Studie der sogenannte Dritte Sektor im Land untersucht, der sich aus gemeinnützigen Organisationen zusammensetzt. Trotz einer bislang guten Entwicklung in Brandenburg vermissen Soziologen Konzepte für die Zukunft. Die Zahlen sind beachtlich: 18 000 Vereine, 350 Gesellschaften, 160 Genossenschaften und 180 Stiftungen zählt der Dritte Sektor in Brandenburg. 740 000 Menschen engagieren sich in dem Bereich ehrenamtlich, 65 000 Jobs wurden dort geschaffen. „Es hat uns überrascht, wie stark und vielfältig hier die Strukturen sind“, sagt Eckhard Priller.

Der Soziologe hat unlängst zusammen mit fünf Kollegen des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) eine umfassende Untersuchung des Sektors vorgelegt. Diese sei bundesweit einmalig, sagt Studienleiter Priller. Mit der 110 Seiten starken Studie können auch bessere Aussagen getroffen werden, in wie weit Ehrenamt in der Gesellschaft verankert ist. So gaben die meisten Vereine gegenüber den Wissenschaftlern an, nach wie vor neue Mitglieder gewinnen zu können. Allerdings wird es für sie zunehmend schwieriger, wichtige Funktionen zu besetzen. „Viele Vereine muten wie Cliquen an, was wiederum junge Menschen abschreckt“, erklärt Priller.

Zudem stellten die Wissenschaftler fest, dass Wohlfahrtsverbände sich heute mehr wirtschaftlichen Zwängen unterwerfen. Dadurch bestehe die Gefahr, dass Gemeinnützigkeit durch ökonomische Mechanismen verdrängt wird, sagt der Soziologe. Hinzu komme der Druck auf die Beschäftigten, die oft in befristeten Jobs arbeiten müssen. In der WZB-Studie wird zudem darauf verweisen, dass der Stiftungsbereich in Brandenburg schwach entwickelt ist: Mit sieben Stiftungen pro 100 000 Einwohner ist das Land bundesweit Schlusslicht. Die Hälfte der Gründungen verfügt zudem nur über ein Vermögen von bis zu 250 000 Euro. Ein Problem, das laut Priller alle ostdeutsche Länder betrifft. „Es fehlen große Unternehmen, die Stiftungen ins Leben rufen.“

Auch die Potsdamer Staatskanzlei erkennt einen Nachholbedarf. Durch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit sollen Stiftungen bekannter gemacht werden, sagt Martin Bauer, Leiter der Koordinierungsstelle für bürgerschaftliches Engagement. „Wir bieten bei Gründungen unsere Unterstützung an.“

Auch Genossenschaften verzeichnen in Brandenburg keinen Aufschwung. Seit dem Jahr 2000 wurden nur 28 Genossenschaften neu gegründet – insgesamt existieren 160. „Sie haben hier ein schlechtes Image, viele verbinden sie mit der DDR“, erklärt Priller. Genossenschaften etwa in der Energie- und Wasserversorgung oder im Gesundheitsbereich haben aus seiner Sicht große Vorteile, da Bürger über unternehmerische Ziele mit bestimmen könnten. „Der Staat sollte mehr Gründungen fördern“, fordert er.

Positiv schätzen die Forscher dagegen die Lage bei den gemeinnützigen Gesellschaften ein. Deren Zahl sei zuletzt deutlich gestiegen, die wirtschaftliche Lage sei insgesamt gut. In den Sozialunternehmen wird mit einem weiteren Beschäftigungszuwachs gerechnet. Die Hälfte der Arbeitsplätze sind Vollzeitstellen, nur neun Prozent Minijobs. „Man muss die Leute aber erst einmal auf dem Arbeitsmarkt finden“, sagt Andreas Kaczynski , Vorstandsvorsitzender des Paritätischen Landesverbandes. Träger würden sich mittlerweile gegenseitig die Mitarbeiter abwerben, in Pflegeeinrichtungen und in Kitas drohen erhebliche Personalprobleme. Hinzu seien Organisationen im sozialen Bereich chronisch unterfinanziert. „Das zwingt zu einer Ökonomisierung“, so Kaczynski. Auch aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden des DRK-Landesverbandes sind sozialwirtschaftlich arbeitende Organisationen in der Zwickmühle: „Man verfolgt ideelle Ziele, hat aber enge Kostensätze“, sagt Hubertus Diemer.

Sozialminister Günter Baaske bescheinigt den gemeinnützigen Organisationen unverzichtbar für Brandenburg zu sein. „Soziale Infrastruktur wäre ohne sie nicht möglich“, sagt der SPD-Politiker. Sie seien vor allem in strukturschwachen Regionen ein Anker“. Die Landesregierung dürfe sich nicht auf der guten Entwicklung ausruhen, sondern müsse am Erhalt der Strukturen arbeiten, warnt dagegen Studienleiter Priller. „Wir haben politische Konzepte für die Zukunft vermisst.“

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erstellt am 08.Jan.2014 | 14:08 Uhr

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