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Umstrittenes Ehemaliges Oberhaupt : Der Mann in der zweiten Reihe

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Bernaus abgewählter Bürgermeister Hubert Handke polarisiert auch weiterhin die Stadt.

Es ist die erste Sitzung der Stadtverordnetenversammlung nach seiner Abwahl als Bürgermeister. Hubert Handke ist dennoch gekommen. Er hat sich beizeiten einen Platz auf den Zuhörerbänken gesichert. In der zweiten Reihe. Die Protokollantin verteilt Tagesordnung und Beschlussvorlagen an die Besucher. Auch ihr ehemaliger Chef bekommt einen Packen. Fast alle Papiere sind mit seinem Namen gekennzeichnet. Als diese Sitzung in der Stadtverwaltung vorbereitet wurde, war Handke noch Bürgermeister von Bernau (Barnim).

Zwei Wochen ist der 61-Jährige nun offiziell außer Dienst. Doch es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht in der Stadt ist. Mal sieht man ihn mit seinem ehemaligen Bildungsdezernenten im Cafè, mal mit Blumen unterm Arm ins Rathaus gehen. „Dass er sich das antut!“, sagt ein Amtskollege aus einer Nachbargemeinde. „Wenn Sie mich so aus dem Amt gejagt hätten, wäre ich in die Karibik gefahren, hätte mich mit einem Cocktail in der Hand ans Meer gesetzt und ablichten lassen. Das Foto wäre dann nach Bernau gegangen – Bildunterschrift: ‚Das kann ich mir dank der 100 Prozent Gehalt leisten, die ihr mir weiter zahlt!‘“

Doch eine solche Art ist nicht die eines Hubert Handke. Pflichtbewusst ist er, manche sagen, geradezu kontrollsüchtig. Mitarbeiter der Stadtverwaltung, die ihrem Chef a.D. nicht wohlgesonnen sind, beschweren sich schon am zweiten Tag nach der Amtsenthebung beim Bündnis für Bernau, das die Abwahl mit initiierte: „Handke geht hier ein und aus. Tut was dagegen!“

Doch Bündnis-Chef Andreas Neue, der als Sprecher der Bürgerinitiative im Bereich des Wasser- und Abwasserverbandes Panke/Finow seit vergangenem Sommer jeden Dienstag Hunderte Demonstranten auf den Marktplatz zieht, hebt die Hände: „Was soll man da tun?“, fragt er ratlos.


Zuschauer attackieren die Bürgermeisterin


Andere Gegner Handkes sind weit misstrauischer – und weniger zimperlich. Als seine langjährige Stellvertreterin und jetzt amtierende Bürgermeisterin Michaela Waigand während einer Beratung der Fraktionsspitzen den Tisch verlässt, um im Ratssaal das Licht anzuschalten, wechselt sie kurz ein paar Worte mit Hubert Handke, der im Publikum sitzt. „Welchen Status hat eigentlich der ehemalige Bürgermeister hier?“, fragt ein Bernauer daraufhin laut in den Saal hinein. Ein anderer geht Michaela Waigand direkt an: „Na, haben Sie jetzt Linie gekriegt?“ Es ist die Fraktionsvorsitzende der Linken, Dagmar Enkelmann, die als Erste ihre Sprache wiederfindet und die Männer in die Schranken weist: „Das ist eine öffentliche Sitzung, an der jeder teilnehmen kann – auch Herr Handke. Sie sind doch auch hier!“

Am nächsten Tag, als das Netzwerk für Toleranz und Weltoffenheit sich einer angekündigten Demonstration der NPD auf dem Marktplatz entgegenstellt, sieht man Hubert Handke in vorderster Reihe neben Stadtverordneten aller Parteien und Vertretern der Bürgerinitiative. „Ich fühle mich mit dieser Stadt verbunden“, erklärt der 61-Jährige seine Anwesenheit in Bernau.

Fast 22 Jahre hat der Christdemokrat die Geschicke der Stadt gelenkt. Er kennt sich bestens aus. Auch, weil es keinen Vorgang im Rathaus gab, der nicht über seinen Tisch ging – und wenn es der Widerspruch gegen ein Knöllchen war.

Einem Mann, der 2009 in Bernau ein Haus ersteigerte und der nun zu denen gehört, die für den Abwasseranschluss noch einmal nachveranlagt werden, erklärt er, warum das so ist, was diesen zwar nicht wirklich überzeugt, aber er hört immerhin zu. Stunde um Stunde bringt der Bürgermeister a.D. in dieser Stadtverordnetenversammlung zu. Fast scheint er Gefallen an der Position des Beobachters zu finden. „Man lernt die Stadtverordneten aus einer ganz anderen Perspektive kennen“, stellt er lächelnd fest. Nur einmal, da entgleiten Hubert Handke die Gesichtszüge.

Wie versteinert sitzt er da, als der Unabhängige Dirk Weßlau ihm „Respekt“ für seine Leistung als Bürgermeister zollt. Die beiden Männer, die einst derselben Partei angehörten, sind seit Jahren erbitterte Gegner. Hubert Handke macht den erfolgreichen Zahnarzt und Unternehmer, der einer der aktivsten Unterstützer des Bürgerentscheids zur Abwahl des Bürgermeisters war, für seine Amtsenthebung verantwortlich.

Als Michaela Waigand, die amtierende Bürgermeisterin, ihren Bericht verliest, entspannt sich der 61-Jährige wieder, denn nun erfährt er doch noch eine Würdigung. Michaela Waigand spricht ihn direkt an: „Ich denke, jede und jeder kann sehen, welch positive Entwicklung Bernau seit der Wende genommen hat, und daran waren Sie maßgeblich beteiligt“, sagt sie, um sodann Hermann Hesse zu zitieren: „‚Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß, und die Geduld gibt Ruhe.“ All diese Attribute verbinde sie mit ihm, sagt Miachaela Waigand. „Für Ihr Durchhaltevermögen gebührt Ihnen mein größter Respekt. Man kann schon sagen: Sie haben einen großen Teil Ihres Leben dem Wohl dieser Stadt gewidmet. Dafür vielen Dank!“

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