Streitthema Wolf : Bauern kritisieren heftig die Politik

Der unter strengem Artenschutz stehende Wolf ist ein natürlicher Feind der Landwirte.
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Der unter strengem Artenschutz stehende Wolf ist ein natürlicher Feind der Landwirte.

Wenig Wildtiere sind so umstritten wie der unter Artenschutz stehende Wolf. Landwirte fordern wirksamen Schutz gegen das Raubtier.

svz.de von
08. August 2016, 04:45 Uhr

80 Kühe grasen friedlich auf der Wiese von Landwirt Jürgen Frenzel. Ein etwa ein Meter hoher und mit zwei elektrischen Drähten gesicherter Koppelzaun schützt die Tiere bei Beelitz (Potsdam-Mittelmark). „Jetzt müsste ich mähen, wenn der neue Zaun schon hier stehen würde und richtig funktionieren soll“, sagt Frenzel. Der neue Elektrozaun – das ist die jüngste Antwort von Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) auf Wolfsattacken gegen Nutztiere. Nächste Woche soll Frenzel den neuen Zaun bekommen.

Mit der Rückkehr der Wölfe kommt es zu Übergriffen auf Kälber und Schafe. Empfehlungen zum Umgang mit dem Raubtier gibt es – in Brandenburg etwa mit dem Wolfsmanagement-Plan, an dem auch der Naturschutzbund NABU mitarbeitete. Damit soll der unter strengem Artenschutz stehende Wolf in der Bevölkerung besser akzeptiert werden. Und es ist geregelt, wie Betroffene für gerissene Tiere entschädigt werden.

Der NABU geht derzeit von 43 Wolfsfamilien in Deutschland aus – mit je acht bis zehn Tieren. In Brandenburg leben sechs Rudel, schätzt NABU-Wolfsexperte Markus Bathen. Eine beim Bundesumweltministerium gebildete Beratungsstelle hat Vorschläge gemacht, wie Wölfe vertrieben werden können oder wie sich ihr Bestand verringern lässt. Dazu seien Ausnahmen vom Bundesnaturschutzgesetz möglich – etwa wenn Menschen gefährdet seien oder es großen wirtschaftlichen Schaden geben könne, sagt Bathen.

Schon vier Kälber hat Bauer Frenzel verloren. Nach dem letzten Riss im Mai kündigte das Agrarministerium für zwei Betriebe einen neuen Elektrozaun zum Schutz an – ein Modellversuch.

Ein einfacher Koppelzaun ist mit ein oder zwei elektrischen Drähten ausgestattet. Der neue Zaun wird auf 1,20 Meter erhöht und hat fünf stromführende Drähte. Das soll verhindern, dass Wölfe unter dem Zaun durchkriechen oder ihn überspringen können. Zu den zwei Agrarbetrieben gehört der von Landwirt Frenzel. Als er den Antrag für das Material stellte, teilte ihm das Umweltministerium mit, nur 20 seiner 28 Hektar großen Weidewiese seien förderungsfähig. Statt der errechneten Kosten von 4500 Euro stünden ihm nur 3900 Euro für den Elektrozaun zu.

Damit das Gras den Strom des untersten Drahts nicht in die Erde ableitet, muss es fast jede Woche geschnitten werden. Doch für die rund 11 000 Euro teure Erntemaschine fehlt Frenzel das Geld. „Dann wird wohl der unterste Draht wirkungslos bleiben“, sagt er. Trotz Bedenken wegen des finanziellen Aufwands und dessen Erfolgsaussicht macht er mit.

Der Chef des Kreisbauernverbands in Potsdam-Mittelmark, Jens Schreinicke, ist skeptisch. Nach seiner Einschätzung wird der Wolf Wege finden, sich Zugang zu den Weiden zu verschaffen. „Das Problem wird nur verdrängt, es muss Obergrenzen geben“, fordert der Landwirt. „Wölfe haben schon jetzt das Muffelwild in Brandenburg ausgerottet. Auch Damwild ist in einigen Gegenden stark dezimiert. Bei zunehmenden Wolfsbeständen werden auch Mutterkühe und Pferde angegriffen.“ Bis zum Wölfe töten will Schäferverbandschef Knut Kucznik nicht gehen. Aber er will einen wirksamen Schutz der Weidetiere. Anfang Juni unterzeichnete er mit Agrarminister Vogelsänger einen Vertrag über Herdenschutzhunde. „Im Nachhinein fühle ich mich aber von der Landesregierung hingehalten.“ Zwar werde die Anschaffung von Zäunen und Hunden gefördert, nicht aber deren Unterhalt. Immerhin koste die Haltung eines Hundes pro Jahr 1000 Euro. Die Fördermittel seien außerdem nach kurzer Zeit ausgeschöpft gewesen. „Meine Kollegen brauchen jetzt Schutz, nicht erst beim nächsten Förderprogramm.“

Für drei gerissene Kälber soll Frenzel nun 2400 Euro erhalten. Da ein Tier angeblich eine Fehlgeburt gewesen sei, gebe es dafür keine Ausgleichszahlung, habe es geheißen. Das Veterinäramt in Potsdam-Mittelmark habe sich nicht zuständig gefühlt. Er müsse das Tier ins Landeslabor nach Frankfurt (Oder) bringen, um die Todesursache feststellen zu können, habe man ihm gesagt. Frenzel verzichtete daraufhin auf weitere 800 Euro Entschädigung. „Dieser Fall und viele andere haben die Landwirte auf die Palme gebracht, sie haben kein Vertrauen mehr in die Landesregierung“, sagt Bauernverbandsprecher Sebastian Scholze. Weil die Bauern das Meldeverfahren des Landes zur Entschädigung für getötete und verletzte Tiere zu bürokratisch fänden, habe der Verband eine eigene Erfassung gestartet. „Wir haben vor vier Wochen begonnen und haben schon zehn Fälle“, sagt Scholze.

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