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Oder : Baltischer Goldsteinbeißer gesucht

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein eher unscheinbarer, aber seltener Fisch verursacht an der Oder ein teures Bauprojekt.

svz.de von
erstellt am 29.Jul.2017 | 16:00 Uhr

Mit Elektroangel und Kescher ist Biologe Christian Wolter alle vier Wochen auf der Oder nahe Reitwein (Märkisch-Oderland) unterwegs. Exemplare von mehr als 20 verschiedenen Fischarten gehen dem Mitarbeiter des Leibniz-Institutes für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) dabei regelmäßig ins Netz – Barsche, Zander, Hechte, Plötzen. Auf der Suche ist Wolter allerdings nach ziemlich seltenen Fischen: Die Baltischen Goldsteinbeißer sind acht bis zwölf Zentimeter groß, dunkel marmoriert und mit goldglänzenden Schuppen an den Flanken.

Ein Baltischer Goldsteinbeißer liegt auf einem Messtisch
Ein Baltischer Goldsteinbeißer liegt auf einem Messtisch
 

„Beheimatet ist dieser europaweit geschützte Fisch eigentlich in Teilen Osteuropas und Westasiens. Die Oder ist sein westlichstes Verbreitungsgebiet“, erklärt Wolter. 2001 seien Einzelexemplare im deutsch-polnischen Grenzfluss gefunden worden. Acht Jahre später wurde bei Voruntersuchungen zur geplanten Buhnenerneuerung bei Reitwein eine eigene Population des Baltischen Goldsteinbeißers entdeckt. „Aufgrund der nicht mehr funktionierenden Wasserbauwerke ist die Oder auf etwa 500 Metern Länge im Uferbereich flach und versandet – ein Paradies für Fische und Wasservögel, wie eine Umweltverträglichkeitsstudie belegt“, erklärt Astrid Ewe, Projektleiterin des Wasser- und Schifffahrtssamtes Eberswalde (WSA).

Gerade Baltische Goldsteinbeißer würden die vom Wasser durchströmten Sande lieben, sagt Biologe Wolter. Um diesen aus ökologischer Sicht wertvollen Lebensraum nicht zu zerstören, werde nunmehr statt der senkrecht zum Ufer verlaufenden Buhnen ein sogenanntes Wasser-Regulierungsbauwerk parallel zur Strömung errichtet. „Der Flachwasserbereich zwischen Ufer und Bauwerk bleibt damit erhalten, der bauliche Aufwand ist allerdings deutlich höher“, sagt Ewe. Eine Regulierung der Strömung sei notwendig, um das Wasser in der Flußmitte für die Schifffahrt und aus Gründen des Hochwasserschutzes zu konzentrieren.

Rund 3,5 Millionen Euro kostet den Bund das aufwändige Projekt, das erste seiner Art an der Oder. Fünf Jahre dauerte laut WSA allein das Genehmigungsverfahren. Bis zum nächsten Frühjahr wird abschnittsweise gebaut, um in diesem Bereich lebende Tiere und Pflanzen nicht zu vertreiben.

Wolters Aufgabe ist die Baubegleitung mit Blick auf Fische und Ökologie. Einmal im Monat überprüft er, ob sich der Baltische Goldsteinbeißer aufgrund der Baumaßnahmen nicht doch gestört fühlt und womöglich das Weite sucht. „Sollte sich das abzeichnen, habe ich einen Bergungsauftrag. Ich müsste die noch zu findenden Exemplare aus dem Fluss holen und ein Ausweichquartier suchen.“ Der IGB-Mitarbeiter ist froh darüber, dass die Naturschutzbelange an diesem besonderen Oderabschnitt berücksichtigt werden. „Allein in diesen über Jahrzehnte nahezu unberührten 500 Metern Fluss sind mehr als 30 Fischarten nachzuweisen, darunter seltene wie Döbel, Barben oder auch Wander-Maränen“, berichtet er. Der Vorteil der Oder aus „Fisch-Sicht“ sei, dass sie unverbaut sei und keine Wehre habe.

Die sechs Buhnen sind nach Angaben der WSA-Projektleiterin auch deshalb so marode, weil das Gebiet zu DDR-Zeiten militärisches Übungsgelände gewesen war. „Da kümmerte sich keiner um Reparaturen“, macht sie deutlich. Nach der Wende sind nach ihren Angaben zunächst Wasserbauwerke an anderen, für die Schifffahrt wichtigeren Oderabschnitten instand gesetzt worden.

Vor dem aktuellen Bauprojekt haben Munitionsberger monatelang Ufer und Flussbett nach explosiven Hinterlassenschaften durchsucht und den Zeitplan schon etwas durcheinander gebracht. „Es wurde jede Menge Kriegsschrott gefunden – von der Handgranate bis zur Panzer-Abschleppstange“, sagt Ewe. Jetzt könnte die Oder selbst die Bauarbeiten weiter verzögern. Wie schon in den Vorjahren führt sie während des Sommers sehr wenig Wasser. „Da wir nur vom Wasser aus bauen dürfen, transportieren wir das Baumaterial per Schubschiff heran. Das ist kaum noch möglich, ohne zu riskieren, auf Grund zu laufen“, sagt Ewe. Vielleicht hebt der Regen der vergangenen Tage den Wasserstand. 

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