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Brandenburg

21. November 2017 | 15:14 Uhr

Brandenburg : Bald schweigen die Lämmer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Zahl der Schafe in Brandenburg hat sich innerhalb von zehn Jahren halbiert, denn der Beruf des Hirten wird immer unattraktiver

Vier schwarze Beine zappeln in der Luft, als Wolfgang Sowada mit dem Geländewagen auf seiner Weide in Kolrep eintrifft. Ein Schaf liegt hilflos auf dem Rücken. Der Schäfer steigt über den Zaun und hebt das Tier wieder auf die Beine. „Da sehen Sie ja“, brummt Sowada. „Fährt man heute nicht raus, ist das Schaf tot.“ Unter der Hutkrempe breitet sich auf seinem Gesicht Ratlosigkeit aus: „Ich tät zwar gerne weitermachen, aber das bringt’s alles nicht mehr. Das lohnt sich alles nicht.“

Allein im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zahl der Schafe in Brandenburg fast halbiert. Nur 75 000 Tiere – statt einst 140 000 – weideten laut Statistik 2015 noch auf Heiden, Deichen und Mooren.1989 waren es sogar noch fast 400 000.

Mit den Schafen droht geschützten Kulturlandschaften und mit ihnen einer Vielzahl bedrohter Tier- und Pflanzenarten das Aus. „Die Schäfer sind das wichtigste Landschaftspflegeinstrument, was wir haben“, sagt Holger Pfeffer vom Deutschen Verband für Landschaftspflege. Er sorgt sich: „Wir haben viele Flächen zu pflegen, aber wir haben keine Schafe dafür, weil wir keine Schäfer mehr haben.“ Schäfer spielen eine besondere Rolle an der Schnittstelle von Landwirtschaft und Umweltschutz. Grasende Schafe bewahren Trockenwiesen und Feuchtgebiete, auf denen sich sonst Büsche und Bäume ausbreiten würden. Mähdrescher kommen dagegen nicht an: „Die Maßnahmen von Hand sind weit nicht so gut wie die Beweidung mit Schafen für diese Lebensraumtypen“, erklärt etwa der Umweltverband BUND Brandenburg.

Andererseits sind auch die Schäfer mittlerweile vom Umweltschutz abhängig: Zwei Drittel ihrer Einnahmen kommen aus Fördertöpfen von Land, Bund und EU für Naturschutz und Landschaftspflege. Ihre Wolle ist auf dem Weltmarkt bedeutungslos und auch das heimische Lammfleisch hat es immer schwerer gegen billiges Fleisch aus Übersee.

Noch fährt Wolfgang Sowada in der Prignitz jeden Tag hinaus, um sich auf den Moorwiesen um seine Schafe zu kümmern. Der 61-Jährige arbeitet seit 46 Jahren als Schäfer. Zehn Stunden am Tag. Freie Wochenenden gibt es nicht. Die Wanderschäferei hat er bereits aufgegeben, seine Herde von 600 auf 300 Mutterschafe halbiert. Krank werden darf er nicht, denn Unterstützung kann er sich nicht leisten. „Mit dem Schäfer fällt die Herde“, sagt Sowada. So auch seine: Wenn er in Rente geht, gibt es keinen Nachfolger.

Den Hauptgrund für den Schäfermangel bringt Knut Kucznik auf den Punkt: „In der jetzigen Form ist der Beruf Selbstausbeutung hoch zehn.“ Der Vorsitzende des Brandenburger Schafzuchtverbands zeichnet ein düsteres Bild der Lage. „Die Betriebe werden nicht weitergegeben, weil die Schäfereien in der Mehrzahl unter dem Mindestlohn sind.“ Dann droht die Altersarmut, wie Kucznik sagt: „Ein Schäfer hat sein ganzes Leben in die Schafe investiert. Er kann sie dann noch einmal alle zum Schlachter bringen, dann bekommt er nur noch die geringste Rente.“ Einen typischen Schäfer erwarte eine Rente von rund 500 Euro. Für Eigenvorsorge reicht das Geld nicht, die traditionelle Sicherung durch die Hofübergabe an den Nachfolger fällt weg.

Die Perspektive ist so abschreckend, dass kaum noch jemand den Beruf ergreift. Bundesweit kommen dem Verband der Berufsschäfer zufolge jährlich nur etwa 10 bis 20 Lehrlinge hinzu – zu wenige, um die Nachfolge der verbliebenen Schäfer zu sichern.

In Brandenburg gibt es derzeit noch rund 75 Haupterwerbsschäfereien mit größeren Herden, dazu etwa 100 Nebenerwerbsschäfer mit 50 bis 120 Mutterschafen. Viele von ihnen werden schon bald nicht mehr auf der Weide stehen.

Das Nachwuchsproblem hat finanzielle Gründe, da sind sich die Schäferverbände einig. „Die Menschen, die schon im Beruf sind, die machen den aus anderen Gründen“, sagt Berufsschäfer-Verbandschef Günther Czerkus. „Aber ich frage jeden Lehrling: Bist du dafür bereit, nach der Gesellenprüfung deine Familie von 1000 Euro im Monat ernähren zu müssen?“ Brandenburgs Verbandschef Kucznik ist sicher, dass sich bei angemessener Bezahlung junge Leute für den Beruf fänden. In der jetzigen Situation, sagt er, bräuchte Brandenburg staatliche Schäfereien, um die Pflegeziele zu erreichen.

Das Landwirtschaftsministerium in Potsdam sieht da jedoch schwarz. „Das gibt der brandenburgische Haushalt auf absehbare Zeit nicht her“, sagt Sprecher Jens-Uwe Schade. „Es ist nicht alles über den Steuerzahler lösbar.“ Aber der Steuerzahler wird auf Umwegen womöglich trotzdem die Zeche zahlen müssen. Denn über den Umweltschutz werden die Existenzsorgen der Schäfer zum Problem auf europäischer Ebene.

In der Europäischen Union regelt die Naturschutz-Richtlinie „Natura 2000“ den Schutz eben jener Lebensräume, die durch das Schaf gepflegt werden. Jeder EU-Mitgliedstaat ist verpflichtet, Schutzflächen zu benennen und für ihren Erhalt Sorge zu tragen. Dafür gibt es Fördergelder. Erfüllen die Staaten ihre Verpflichtungen nicht, drohen Beschwerdeverfahren bis hin zu einem Vertragsverletzungsverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof. Dann kann es zu Strafzahlungen bis in den zweistelligen Millionenbereich kommen.

Alle sechs Jahre wird ein Bericht über den Schutzzustand erstellt.

Bereits der vergangene Bericht 2013 wies den Zustand vieler Flächen als verbesserungswürdig aus. Im Jahr 2019, so unken Experten, wird der Bericht noch schlechter ausfallen. „Es gibt einen Pflegerückstand auf ziemlich vielen Flächen“, konstatiert Axel Ssymank vom Bundesamt für Naturschutz.

Auch der NABU Brandenburg sieht die Gefahr. „Dass da empfindliche Strafen drohen, davon kann man ausgehen“, sagt Landesgeschäftsführerin Christiane Schröder. „Auch wenn wir 2019 noch nichts zu befürchten haben, kann es durchaus in Zukunft relevant werden.“

Berufsschäfer-Verbandschef Czerkus wird deutlicher: „Es wird immer schwieriger, den Schutzstatus aufrechtzuerhalten. Den Artenschwund sehen wir jetzt schon. Und diese Verschlechterung ist ein Vertragsverstoß.“ Wärmeliebende Schmetterlingsarten, Zauneidechsen, das Frühlingsadonisröschen oder der Kreuzenzian gehören etwa zu den Arten, die laut BUND durch fehlende Beweidung verschwinden.

Schäfer Wolfgang Sowada lässt die EU kalt. Obwohl seine Moorwiesen und ihre Wiesenorchideen auch im Rahmen der Kulturlandschaftspflege gefördert werden, gehören sie nicht zu den „Natura 2000“-Schutzgebieten.

Auch Landschaftspfleger Pfeffer sieht im Ausbau der Schutzflächen-Förderung kein Allheilmittel: „Dann haben wiederum die anderen Probleme, die nicht auf solchen Flächen stehen. Das ist alles so ein bisschen auf Kante genäht.“ Eigentlich wollen alle Seiten dasselbe. „Vision, Perspektive, Planungssicherheit“, bringt Pfeffer es auf den Punkt. Politischer Weitblick und verlässliche Zukunftsaussichten sollen den Beruf auch über die nächste Generation hinaus attraktiv machen. „In den letzten 2000 Jahren waren Schäfer immer die Richtigen“, sagt Kucznik. „Das wird auch wiederkommen. Ich bin der Meinung, dass wir den schönsten Beruf der Welt haben.“

Auch Sowada strahlt auf einmal, als er seinen Stall betritt und die Lämmer auf ihn zulaufen. Manche von ihnen füttert er mit einem Fläschchen aus der Hand. Den Schäferhut komplett an den Nagel zu hängen, bringt er nicht übers Herz. Einige Schafe will er behalten. „So ganz kann ich ja doch nicht aufhören.“ Die eifrig blökenden Lämmer weichen ihm kaum von der Seite. Erst, als er den Stall verlässt, kehrt Stille ein.

Christina Peters

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