Polnische Lehrlinge in der Mark : Azubis aus dem Nachbarland

Robert Korte hat bei einem Fliesenleger in Frankfurt/Oder sein Handwerk gelernt und ist nun dort als Geselle angestellt.
Robert Korte hat bei einem Fliesenleger in Frankfurt/Oder sein Handwerk gelernt und ist nun dort als Geselle angestellt.

Seit sieben Jahren bemüht sich die Handwerkskammer Frankfurt (Oder) auch um polnische Lehrgänge.

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22. März 2018, 05:00 Uhr

Robert ist ein angehender Orgelbauer, wie ihn sich jeder Chef wünscht: fleißig, umsichtig und mit großem Geschick. Der junge Pole steht vor der Gesellenprüfung bei der Orgelbaufirma Sauer in Müllrose (Oder-Spree) und hat in dem Traditionsunternehmen eine berufliche Perspektive. Aleksandra fährt von der polnischen Grenzstadt Slubice aus jeden Tag mit dem Zug nach Erkner nahe Berlin. Die angehende Friseurin vertritt ihren Ausbildungsbetrieb bereits auf Messen und wirbt dort um Lehrlinge.

Auch der Frankfurter Fliesenleger Alexander Wolf ist mit seiner polnischen Verstärkung zufrieden. Robert ist inzwischen Geselle in seinem ehemaligen Ausbildungsbetrieb. „Der Anfang mit ihm war nicht leicht, weil Robert zwar in Frankfurt wohnte, aber in Slubice zur Schule ging und schlecht Deutsch sprach“, erinnert sich der Firmenchef. Nach einem Jahr Einstiegsqualifizierung entschlossen sich beide dennoch zu einem Lehrvertrag – und Wolf hat es nicht bereut. „Robert beschwert sich nie über zu viel Arbeit, die Kollegen akzeptieren ihn, es gab nie Kundenbeschwerden – ein absoluter Glücksfall“, sagt der Fliesenlegermeister.

Vermittelt wurde ihm der junge Pole vor vier Jahren von der Handwerkskammer Frankfurt (Oder). Mangels geeigneter deutscher Bewerber für Lehrstellen wirbt sie bereits seit 2011 im Nachbarland östlich der Oder um polnischen Nachwuchs für deutsches Handwerk. „Wir haben dabei in den vergangenen Jahren viel Lehrgeld bezahlt“, resümiert Aleksandra Ziomko-Zmuda, in der Kammer Referentin für Fachkräftesicherung.

50 Lehrverträge waren geschlossen worden. Nur elf polnische Azubis hatten die Ausbildung erfolgreich beendet und waren als Gesellen in ihre Heimat zurückgekehrt. Die anderen ließen sich häufig abwerben, fingen als Ungelernte in Festanstellung bei anderen deutschen Unternehmen an. Dafür, sagen Ziomko-Zmuda und Michaela Schmidt, Abteilungsleiterin Berufsbildung bei der Kammer, gibt es viele Gründe. Die ersten Lehrlinge seien mit durchschnittlich 16 Jahren zu jung gewesen, um im Ausland zurechtzukommen. Zudem hätten sie falsche Vorstellungen gehabt. „Die Arbeit ist hart, die Vergütung nicht gerade üppig“, stellt Schmidt klar. Bei einigen scheiterte die Ausbildung an den mangelnden Sprachkenntnissen in Deutsch.

„Da muss man echt büffeln“, sagt die gebürtige Polin Ziomko-Zmuda, die einst in Gartz (Uckermark) ihr Abitur gemacht hat. Viele deutsche Betriebe, so erzählt sie weiter, seien nicht wirklich offen für polnische Kollegen. „Das betrifft meist nicht den Firmenchef, aber die Mitarbeiter. Da wird ein Azubi auf der Baustelle schon mal ausgelacht, wenn er in der Pause ein Buch liest“, macht sie deutlich.

Unermüdlich ist Ziomko-Zmuda nach wie vor in polnischen Schulen unterwegs, um für eine Ausbildung im deutschen Handwerk zu werben. „Von allein kommt keiner. Wir müssen auf sie zugehen“, sagt sie. Und der Bedarf an Lehrlingen steigt. Allein im Kammerbezirk Ostbrandenburg sind Schmidt zufolge rund 350 Lehrstellen nicht besetzt, jede dritte insgesamt.

Aktuell gibt es in Ostbrandenburg laut Schmidt 30 polnische Handwerks-Lehrlinge. „Und bei denen sind wir auch optimistisch, dass sie ihre Ausbildung abschließen und dann den deutschen Firmen auch als Fachkräfte zur Verfügung stehen“, sagt sie. Lehrlinge aus dem Nachbarland hätten mittlerweile den Ruf, höflich und fleißig zu sein sowie die Arbeit eigenständig zu sehen, weiß Schmidt. Inzwischen würden nur noch polnische Jugendliche ausgesucht, die mindestens 18 Jahre alt seien, das Abitur oder den Abschluss des polnischen Technikums in der Tasche haben sowie Deutschkenntnisse nachweisen können. „Beim Bewerbercheck nutzen wir standardisierte Tests, mit denen wir je nach Berufszweig Wissen abfragen“, erzählt Ziomko-Zmuda. Allerdings seien der Handwerkskammer die Hände gebunden, was Firmen betreffe, die nicht direkt in der Grenzregion ihren Sitz haben. „Dorthin können wir nicht vermitteln. Das Ausbildungsgeld der polnischen Lehrlinge würde nur für die Fahrerei und eine Unterkunft draufgehen“, erklärt Berufsbildungs-Chefin Schmidt.

Mit der Agentur für Arbeit habe die Handwerkskammer bisher vergeblich um Beihilfen gekämpft, sogar vor dem Sozialgericht geklagt. „Die Rahmenbedingungen werden dafür einfach nicht angepasst“, kritisiert sie. Trotz aller Schwierigkeiten ist Schmidt überzeugt, auch in diesem Jahr wieder zehn neue, potenzielle Lehrlinge aus dem Nachbarland an Ostbrandenburger Ausbildungsbetriebe vermitteln zu können. „Ich brauche einen neuen Robert“, hat Michael Schulz, Geschäftsführer der Orgelbaufirma Sauer, ihr bereits gesagt. Auch Fliesenleger Wolf würde gern wieder einen polnischen Lehrling nehmen, auch wenn er schon Bewerbungen deutscher Jugendlicher auf dem Tisch liegen hat. „Meine Erfahrungen sind positiv, ich wäre bereit“, sagt er.

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