Orgel aus Fünfeichen : Ausgezeichnete Wiederbelebung

Am schwer kranken Patienten: Orgelbaumeister Thomas Lang von der Firma Sauer am auseinandergebauten Spieltisch der Orgel von Fünfeichen.
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Am schwer kranken Patienten: Orgelbaumeister Thomas Lang von der Firma Sauer am auseinandergebauten Spieltisch der Orgel von Fünfeichen.

In einem Dorf bei Eisenhüttenstadt steht nun offiziell Deutschlands „Orgel des Jahres“.

svz.de von
09. April 2018, 05:00 Uhr

Vor wenigen Jahren noch war die Orgel in der Dorfkirche in dem bei Eisenhüttenstadt gelegenen Fünfeichen ein Wrack, eine Ruine. Pfeifen fehlten, die Mechanik war hinüber, die Pedale waren ausgetreten. Der Holzwurm hatte über Jahrzehnte das Prospekt zernagt. Der Organist und Orgelsachverständige Martin Schulze legt die Stirn in tiefe Falten, wenn er an den traurigen Zustand dieses Instrumentes denkt, bevor es von der Müllroser Orgelbaufirma Sauer restauriert wurde – und sie in Fünfeichen ein Wunder vollbrachte. Schulze: „Hut ab, was Sauers dort gemacht haben!“

Deutschlandweit aufhorchen ließ diese Rettungsmaßnahme, als das einst sieche Fünfeichener Instrument vergangenes Jahr von der Stiftung Orgelklang zur „Orgel des Monats Juni“ gekürt wurde. Und nun hat sie dieses Instrument noch besonders geadelt. Am Mittwoch gab die Stiftung bekannt, dass ihre „Orgel das Jahres 2017“ jene von Fünfeichen ist. Auf Platz zwei kam die Orgel der Evangelischen Lambertuskirche von Wonsheim (Rheinland-Pfalz). Dieses spätbarocke Instrument hatten die Brüder Carl und Franz Heinrich Stumm aus Rhaunen-Sulzbach 1818 gebaut. Der dritte Platz ging nach Essen-Katernberg – und auch ein bisschen nach Brandenburg. Denn die Orgel in der Evangelischen Kirche von Katernberg – „Bergmannsdom“ nennen sie die Einheimischen – hat die Firma Wilhelm Sauer, die damals noch in Frankfurt (Oder) saß und deren Chef sich Königlicher Hoforgelbaumeister nennen durfte, im Jahre 1901 gebaut. Es ist Sauers Opus 846. War aber lange keine originale Sauer-Orgel mehr. In den 1960er-Jahren wurde sie Opfer des damaligen Zeitgeistes und zu einem spätbarocken Instrument umgebaut. Vor einigen Jahren hat die Kirchgemeinde begonnen, die alte Disposition wieder herzustellen. Sauers Opus 846 hat nun fast seinen romantischen Klang zurückbekommen.

In Fünfeichen war es mit einer Umdisponierung allein nicht getan. Denn die Orgel dort war so verschlissen, dass sie kaum mehr bei Stimme war. Und trotzdem galt sie selbst in diesem bedauernswerten Zustand als etwas Besonderes. Denn sie ist eines der seltenen Fabrikate der Orgelbauer-Familie Gast, die in Fürstenberg/Oder ihre Werkstatt hatte. Die Firma Gast hatte 1880 die Fünfeichener Orgel gefertigt. Gast sei als Orgelbauer „eine lokale Größe“ gewesen, sagt Martin Schulze. Nur sei von ihm sehr wenig erhalten. Schulze sagt, an Größe und Klang gemessen sei die Orgel in Fünfeichen das Reverenzobjekt dieses Unternehmens. Es ist für ihn „ästhetisch und klanglich ein sehr schönes Instrument spätromantischer Bauart“, und für ihre Kirche habe sie mit ihren etwa 600 Pfeifen, elf Registern sowie zwei Manualen genau die richtige Größe.

Ihre Wiedererweckung hat viele Väter. Fünfeichens Pfarrer Matthias Hirsch hat sich sehr dafür engagiert, seine Gemeindemitglieder haben die mehrere zehntausend Euro teure Reparatur mitfinanziert. Die Stiftung Orgelklang schoss Geld dazu. Selbst Fünfeichener, die nicht der Kirche angehören, haben für ihre Dorforgel gespendet. Hirsch hat die Zusammenarbeit immer wieder sehr gelobt und vergaß dabei nicht zu erwähnen, dass man schon länger sehr gute Erfahrungen miteinander gemacht hat. Die von Johann George Gast gegründete Orgelbauwerkstatt bestand über vier Generationen und schloss nach dem Tod seines Urenkels Friedrich August Gast (1839–1905). Wobei nicht er, sondern sein Vater Johann Friedrich Gast II. (1815–1893) die Orgel von Fünfeichen gebaut hat.

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