Kultur : Aufschlag für die Kunst

Hoch hinaus: Henrik Sundström will das frühere „Haus der Ziegler“ in Hennickendorf zu einer Adresse für hochkarätige Kulturveranstaltungen entwickeln. Das ehemalige Kraftwerk soll Ausgangspunkt für Wandertouren um den Stienitzsee werden.
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Hoch hinaus: Henrik Sundström will das frühere „Haus der Ziegler“ in Hennickendorf zu einer Adresse für hochkarätige Kulturveranstaltungen entwickeln. Das ehemalige Kraftwerk soll Ausgangspunkt für Wandertouren um den Stienitzsee werden.

Der frühere Tennisprofi Henrik Sundström will in einem einstigen Kraftwerk in Hennickendorf Konzerte und Ausstellungen veranstalten

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04. März 2016, 12:00 Uhr

Kunst, das ist mit Henrik Sundström eine schweißtreibende Angelegenheit. Mit großen Schritten streift der knapp 1,90 Meter große Ex-Tennisprofi über das abschüssige Gelände am Ufer des Stienitzsees. Er führt im Schnelldurchlauf durch den Gebäudekomplex, der früher einmal ein Kraftwerk war und nun als Konzertsaal und Galerie dienen soll: die große Turbinenhalle, der Keller mit Druckkesseln, Öfen und Rohrleitungen, dann hinauf auf den Turm. Und er klettert voran auf ein vis-à-vis gelegenes, rostiges Stahlungetüm, um den Besuchern einen Überblick auf Gebäude und Gelände zu ermöglichen. Die Aussicht, die sich dort bietet, ist imposant. Stattlich thront der Ziegelbau über dem Ufer des Stienitzsees im Rüdersdorfer Ortsteil Hennickendorf (Märkisch-Oderland).

Das Kraftwerk aus dem frühen 20. Jahrhundert diente einst als Stromlieferant für die Ziegelherstellung. In der DDR wurden in dem inzwischen „Haus der Ziegler“ getauften Bau Kulturveranstaltungen für Arbeiter aus den örtlichen Betrieben organisiert. Später nutzte die Defa ihn für Dreharbeiten. In den Nachwendejahren diente er nur noch als Möbellager und schien dem Verfall preisgegeben.

Heute verströmt das Gebäude mit seinen unverputzten Wänden und den frei liegenden Stahlträgern einen morbiden Charme, vergleichbar angesagten Klubs in Berlin wie dem Heizkraftwerk Mitte oder dem Berghain. Der Ort atmet Industriegeschichte. Eine Formulierung, die in den Ohren mancher älterer Bewohner wie Hohn klingen dürfte – denn die Luft war in dem Ort durch die Ausbeutung der nahe gelegenen Rüdersdorfer Kalksteinbrüche so staubig, dass viele Arbeiter an Atemwegserkrankungen litten.

Heute erregt die Zementproduktion im Rüdersdorfer Cemex-Werk weniger Ärger. „Niemand in Berlin kennt den Stienitzsee, und zu DDR-Zeiten war das hier ein No-go-Gebiet“, sagt Sundström. Eine Gegend, die für ihr Kalkvorkommen und ihre Tradition als Ziegeleiproduktionsort bekannt ist, mehr nicht.

Sundström, der als Geschäftsführer einer gemeinnützigen Fördergesellschaft fungiert, will das Industriedenkmal mit dem Eigentümer Stienitzsee Real Estate GmbH aus seinem Dornröschenschlaf wecken. Konzerte und Ausstellungen sollen dort stattfinden; künstlerische Plein­air-Treffen und Wanderpfade könnten von dem Haus ihren Ausgang nehmen. Ein erster Plan datiert von 1999, seither sind laufend Ideen hinzugekommen. Als er Ende der 90er-Jahre zum ersten Mal auf Einladung eines Freundes dort gewesen ist, war Sundström begeistert: von der waldreichen, sanft hügeligen Umgebung. Von den Gewässern. Und der Nähe zu Berlin. Er fühlt sich an seine Heimat erinnert, an die südschwedische Provinz Skåne.

Geboren 1964 und aufgewachsen in Bjärred bei Malmö, ist der Schwede auf verschlungenen Pfaden zu seiner märkischen Preziose gekommen. Da ist das Immobiliengeschäft – auch heute noch reist er geschäftlich von seinem Wohnsitz in Monaco aus durch die Welt. Daneben ziehen sich zwei Konstanten durch sein Leben: Sport und Kunst.

In seiner Jugend auch ein talentierter Klarinettist, entschied er sich, seine andere Begabung, den Tennissport, ernsthaft zu verfolgen. Mit 16 Jahren wurde Sundström Profi. Neben Mats Wilander und Stefan Edberg zählte er zu den großen Nachwuchshoffnungen des schwedischen Tennissports, die mit Übervater Björn Borg als Vorbild aufgewachsen waren. Vom Typ her ein Grundlinienspieler, setzte Sundström sich in der Weltklasse fest. Am liebsten hat er auf rotem Sand gespielt. 1984 wurde sein großes Jahr: Er kletterte bis auf Rang sechs in der Weltrangliste.

Schon ein Jahr später kam die Karriere ins Stocken, mit 21 Jahren. Der Rücken bereitete Sundström Probleme. Ab 1986 spielte er praktisch nicht mehr, bis 1989 hegte er noch Hoffnungen auf ein Comeback. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, langjähriger Mannschaftsarzt des FC Bayern, behandelte ihn. Doch irgendwann musste Sundström sich eingestehen, dass es keine Rückkehr geben würde.

Er heiratete eine Monegassin, deren Familie seit 300 Jahren im Fürstentum an der Côte d’Azur verwurzelt ist. In den folgenden Jahren widmete er sich seiner Familie – Tochter Victoria wurde 1988 geboren, Sohn Calle 1993 – und reiste in Immobiliengeschäften durch die Welt. 20 Jahre lang hat Sundström keinen Tennisschläger mehr angerührt. Zu schmerzhaft die Erinnerung an die unfreiwillig beendete Laufbahn. Heute spielt er hin und wieder mit seinem Sohn oder mit Freunden, nur zum Spaß.

„Der Schmerz meldet sich immer dann zurück, wenn ich bis an die Grenzen gehe.“ Geblieben sind die sinnlichen Eindrücke von den großen Tennisplätzen der Welt. Wimbledon, Flushing Meadows, Hamburg-Rotherbaum, die French Open. Orte, die einen speziellen Boden, ihren eigenen Geruch und visuelle Reize bereithalten. Von einem Spiel in Kairo nimmt Sundström das Gefühl mit, wie der warme Wüstenwind ihm ins Gesicht weht.

Sport als sinnliches Erlebnis. So erinnert er sich an seine Zeit als Aktiver, und so will er es anderen nahebringen. Um zu erklären, was das heißen kann, nennt er ein Erlebnis aus dem Jahre 2007. Damals war er zum ersten Mal zur Documenta nach Kassel gefahren. Es war der letzte von 100 Besuchertagen der Kunstschau. Da er sich vorgenommen hatte, alle Ausstellungshäuser einmal kurz zu besuchen, wurde der Spätsommertag unerwartet zu einer sportlichen Herausforderung. Ohne dass Sundström, komplett gefangen genommen von den Exponaten von Ai Wei Wei, Sanja Ivekovic und anderen, das bemerkte. „Erst am Abend ist mir aufgefallen, dass mein Hemd komplett durchgeschwitzt war.“

Seit einigen Jahren beschäftigt sich Sundström auch theoretisch mit den Verknüpfungen von Kunst und Sport. Das Heilkonzept der US-amerikanischen Mayo Clinic dient ihm als Leitbild: Therapie und Freizeitgestaltung als „help for well-being“, als Hilfestellung zum Wohlbefinden. Besucher sollen in Hennickendorf Sport treiben und beim Wandern entspannen, sie sollen aber auch Kunst genießen können.

In diesem Jahr organisiert Sundström zum 13. Mal das von ihm initiierte Stienitzsee Open mit, einen Halbmarathon, der einmal um den See herumführt. Die Teilnehmer stoßen unterwegs auf Kunstwerke regionaler Künstler, die zum Teil eigens für diesen Anlass entstehen. Kunst trifft auf Sport, Kunst entsteht durch die Begegnung mit dem Sport, und umgekehrt: Sport, um zur Kunst zu gelangen. Damit knüpft der Ex-Profi an eine große Tradition an.

Von 1912 bis 1948 war Kunst Teil des olympischen Wettbewerbsprogrammes. Medaillen für Bildhauer, Maler und Architekten – eine Idee des Begründers der Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin (1863–1937). Abgeschafft wurden diese Disziplinen mit der Begründung, dass die Künstler meist keine Amateure und damit nicht mit den Grundsätzen der Spiele vereinbar waren.

Im vergangenen September lief in dem Hennickendorfer Kraftwerk an einem einzigen Tag die Ausstellung „Art Into Sport“ mit Arbeiten des französischen Filmemachers Philippe Parreno, des deutschen Bildhauers Tobias Rehberger und anderer internationaler Künstler. Die Exponate verhandelten alle Themen aus der Welt des Sports, einen in Zeitlupe gefilmten französischen Fußballstar Zinédine Zidane zum Beispiel. In diesem Jahr sollen weitere Kunstschauen und Konzerte folgen.

Gemeinsam mit seinem Freund Tobias Rehberger hat Sundström über ein Gestaltungskonzept für die Fassade nachgedacht. Ein alter Bootssteg könnte einmal als Freilichtbühne dienen. Und eine rechteckige Grünfläche hinter dem Gebäude soll – was sonst? – zu einem Tennisplatz umgestaltet werden.

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