Belastung des Grundwassers : Auf unsicherem Boden

Die Frühjahrsbestellung ist voll im Gang: Bei den durchlässigen Böden in der Mark muss die Landwirtschaft umsteuern, soll Nitrat nicht zum Problem werden.
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Die Frühjahrsbestellung ist voll im Gang: Bei den durchlässigen Böden in der Mark muss die Landwirtschaft umsteuern, soll Nitrat nicht zum Problem werden.

Zu viel Nitrat und womöglich auch Gifte im Grundwasser – ein betroffener Brandenburger aus dem Kreis Märkisch-Oderland schlägt Alarm

svz.de von
05. April 2017, 12:00 Uhr

Die Belastung des Grundwassers mit Nitrat sowie möglichen Giftstoffen ist derzeit politisch ein heißes Thema. Ein Beispiel aus der Nähe von Wriezen im Kreis Märkisch-Oderland zeigt, wie schwierig es ist, die Gefahren einzuschätzen.

Vor zwei Jahren hatte Friedhelm Zapf auf einmal Probleme mit seinen Füßen. Er fuhr von Mediziner zu Mediziner, um die Ursache der Schmerzen ergründen zu lassen. Ein Nervenarzt fragte ihn schließlich: „Hatten Sie beruflich mal mit Giften zu tun?“ Zapf war überrascht. „Nein“, antwortete der Rentner. „Ich habe als Lehrer und als Politiker gearbeitet.“ Wieder zu Hause kam ihm ein Verdacht: Die frühere Deponie ein paar hundert Meter hinter seinem Grundstück in Frankenfelde könnte eine Erklärung sein. Und zwar in Verbindung mit dem Brunnen auf seinem Hof, dessen Wasser er zum Beregnen des Gartens und im Sommer auch zum Duschen nutzt.

Der 69-Jährige ließ das Wasser überprüfen. Gemessen wurde der sogenannte AOX-Wert des Grundwassers, ein Leitparameter für industrielle Kontaminationen etwa durch Chlorkohlenwasserstoffe. Alles über einem Wert von 60 Mikrogramm jener adsorbierbaren organischen Halogenverbindungen (AOX) pro Liter gilt als Hinweis auf Industrie-Gifte im Wasser. Bei Friedhelm Zapf lag der Wert bei 180 – gemessen von der renommierten Aqua-Kommunal-Service GmbH aus Frankfurt (Oder). Zapf, früher Landrat von Bad Freienwalde, dann Vize-Bürgermeister in Strausberg und bis heute Gemeindevertreter in Wriezen, rief bei der Kreisverwaltung an. Dort riet man ihm lediglich, das Brunnenwasser künftig nicht mehr zu nutzen. „Und weiter? Ist das alles?“, fragte er sich. „Vielleicht haben wir da eine Zeitbombe unter uns. Wer weiß schon, wohin das Wasser jetzt fließt?“

Das Problem: Der erhöhte AOX-Wert „kann ein Hinweis auf zahlreiche Schadstoffe sein“, wie die Frankfurter Firma in ihrem Prüfbericht schreibt. Er könne aber auch natürliche Ursachen haben. Wolle man Gewissheit, ob und wenn ja ,welche Schadstoffe im Wasser sind und ob sie mit der Deponie zusammenhängen, müsste man weitere Untersuchungen anstellen.

„Das würde mehr als 1000 Euro kosten. Das bezahlt doch kein Privatmensch“, sagt Harald Gülzow, Sprecher des Vereins VSR-Gewässerschutz. Die bundesweit aktive und aus mehreren Bürgerinitiativen hervorgegangene Gruppe nimmt selbst immer wieder Proben. Auch der VSR hat in Zapfs Brunnen einen überhöhten AOX-Wert gemessen. Gülzow weiß um die begrenzte Aussagekraft des Wertes. „Es gibt aber für Privatleute keine Alternative. Deshalb müssen wir ihn nutzen.“ Die Behörden müssten nun genauere Untersuchungen anstellen, findet Gülzow. Belastetes Grundwasser könne sich über Dutzende Kilometer verbreiten, je nach Fließrichtung und Bodenbeschaffenheit.

Die Frankenfelder Deponie hatte um die Jahrtausendwende Schlagzeilen gemacht. Eine Bürgerinitiative beklagte, dass unerlaubter Müll und davon viel zu viel abgeladen worden sei. Offizielle Untersuchungen ergaben, dass der Anteil sogenannter Störstoffe im Müll bei 40 Prozent lag, erlaubt waren nur fünf Prozent. Zwar sollen jene Störstoffe später entfernt worden sein, aber Zapf bezweifelt, dass das sauber lief.

Inzwischen ist buchstäblich Gras über die Geschichte gewachsen. Der Landkreis als verantwortliche Behörde sieht keine Veranlassung, angesichts des bei Friedhelm Zapf gemessenen Wertes tätig zu werden. „Die ehemalige Deponie ist im Jahre 2005 rechtsgültig aus der Nachsorgephase entlassen worden. Alles ist ordnungsgemäß gelaufen“, sagt Rainer Schinkel, Beigeordneter der Kreisverwaltung. Seitdem habe man das Gelände nicht mehr kontrolliert. „Das ist auch nicht notwendig. Es ist unwahrscheinlich, dass der erhöhte Wert auf die Deponie zurückzuführen ist“, beteuert Schinkel.

Das Landesamt für Umwelt hält einen Zusammenhang mit der früheren Deponie für „nicht unrealistisch“. In den Augen von Grundwasserexpertin Antje Oelze wären jetzt Daten über die Fließrichtung des Grundwassers aufschlussreich. „Dann weiß man, ob eventuelle Schadstoffe überhaupt von der Deponie in Richtung des Brunnens mit dem erhöhten AOX-Wert gelangen könnten.“

Der vergiftete Brunnen ist jedoch nur eines der Probleme im von intensiver Landwirtschaft geprägten Frankenfelde. Der VSR-Gewässerschutz hat bei Zapf und einigen Nachbarn im Grundwasser auffällige Nitratwerte gemessen – 137 Milligramm pro Liter, alles über 50 gilt als überhöht. „Babys, die das trinken, könnten sterben“, sagt Friedhelm Zapf. Bereits im vergangenen Sommer hat der Verein „deutlichen Handlungsbedarf in der Landwirtschaft“ angemahnt. Sprich: Es müssen weniger Dünger und Gülle auf die Äcker.

Das sieht auch Turgut Pencereci so, Geschäftsführer des Landeswasserverbandstags. Zwar gebe es derzeit nirgendwo in der Mark Probleme mit dem Trinkwasser wegen zu hoher Nitratbelastung. „Aber an manchen Orten müssen wir bereits aufpassen. Wir haben in Brandenburg durchlässige Böden. Nitrat kann zum Problem werden, wenn in der Landwirtschaft nicht umgesteuert wird“, warnt er. „Wir sollten immer auch an unsere Enkel denken.“

In der Anhörung zu einer geplanten Düngerechtsreform vor dem Agrarausschuss des Bundestags forderte Pencereci jüngst, die in den Plänen vorgesehenen Bußgelder für Verstöße gegen Düngeauflagen von bis zu 200 000 auf bis zu 500 000 Euro zu erhöhen. „Es muss eine Strafe sein, die auch einem großen industriellen Landwirt wehtut.“

Ein Blick in den Agrarbericht des Kreises Märkisch-Oderland zeigt, dass die Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind. Im Jahre 2015 stellten die Behörden bei fast jeder zweiten Hof-Kontrolle Verstöße gegen Dünge-Auflagen fest. Märkisch-Oderlands Beigeordneter Rainer Schinkel betont mit Blick auf die hohen Nitratwerte rund um Frankenfelde, dass sich daraus keine unmittelbare Gefahr für das Trinkwasser ergebe. Dennoch bietet er im Gespräch mit dieser Zeitung an, dass sich die Wasserbehörde des Kreises die Situation vor Ort genauer anschaut. Antje Oelze vom Landesumweltamt sagt: „Dass man Grundwasser nicht überall einfach so trinken kann, sollte jedem klar sein.“ Auch ihre Behörde habe im Raum Wriezen auffällige Nitratwerte gemessen. „Das kann der Einfluss der Landwirtschaft sein. Aber auch hier sind andere Erklärungen möglich.“

Friedhelm Zapf weiß nicht, was er von diesen Aussagen halten soll. Er ist einstweilen froh, dass sich seine Probleme mit den Füßen gebessert haben, seit er nicht mehr mit dem Brunnenwasser duscht.

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