Schloss Freienwald : Auf der Roten Kultur-Liste

Das Schloss in Bad Freienwalde wurde durch David Gilly für die Königin Friederike Luise errichtet.
Das Schloss in Bad Freienwalde wurde durch David Gilly für die Königin Friederike Luise errichtet.

Preußischer Sommersitz und Zweitwohnsitz von Walter Rathenau. Lange wurde die Historie von Schloss Freienwalde wach gehalten

svz.de von
31. Dezember 2016, 05:00 Uhr

Das orangefarbene Schloss inmitten des elf Hektar großen Parks in Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) ist ein wahres Schmuckstück. Doch die drei Eingangstüren an der Rückseite des zweigeschossigen frühklassizistischen Baus sind fest verschlossen. Seit Anfang November empfängt das Schloss keine Besucher mehr. Ob sich das 2017 ändert, ist momentan vollkommen unklar. Deshalb hat der Deutsche Kulturrat das Anwesen auf seine aktuelle Rote Liste gefährdeter Kultureinrichtungen gesetzt.

„Es fehlt ein Betreiber“, sagt der Regionalhistoriker und langjährige Schlosskastellan Reinhard Schmook. Solch ein Haus brauche eine fachliche Leitung, Techniker und Gärtner, nicht zuletzt für die Pflege des riesigen Schlossparks. Zudem ist das Anwesen nicht „nur“ ein ehemaliger preußischer Sommersitz, den König Friedrich Wilhelm II. 1798 vom Architekten David Gilly für seine Frau Friederike Luise in Brandenburgs ältestem Kurort hatte bauen lassen.

Seine besondere Bedeutung erlangte es 1909, als der jüdische Industrielle Walter Rathenau das seit Jahren ungenutzte Anwesen kaufte. „Er rettete das Schloss vor dem Verfall und ließ es aufwendig im Stil des preußischen Klassizismus sanieren“, berichtet Museumsleiter Schmook. Bis zu seiner Ermordung 1922 diente es dem damaligen Außenminister der Weimarer Republik gewissermaßen als Zweitwohnsitz. Eine 1991 gegründete Rathenau-Stift-GmbH richtete im Schloss eine deutschlandweit einmalige Gedenkstätte inklusive einer Rathenau-Bibliothek ein.

„Viel Gegenständliches zum Erinnern war nicht mehr da, die Einrichtung geplündert oder verbrannt. Rathenaus schriftlicher Nachlass ist in einem Moskauer Geheimarchiv als Beutegut deponiert“, erinnert sich Schmook, der auch Geschäftsführer der GmbH ist.

Eigentümer des Schlosses ist der Landkreis Märkisch-Oderland. Der vereinte es mit der Gedenkstätte auf den Seelower Höhen, dem Brecht-Weigel-Haus in Buckow, dem Freilichtmuseum Altranft und der Kreismusikschule 1997 in einer Kultur GmbH. Die aber war mit jährlichen Zuschüssen von 1,5 Millionen Euro stets chronisch unterfinanziert.

Zwar stiegen die Einnahmen stetig, aber ebenso Betriebskosten und Löhne. Der Kreistag musste jedes Jahr Geld nachschießen, um die Liquidität zu sichern. „Wäre die Kultur GmbH besser finanziell ausgestattet gewesen, hätte sie funktionieren können. Kultur ist immer ein Zuschussgeschäft“, meint Schlosskastellan und SPD-Kreistagsabgeordneter Schmook. So aber wird sie aus Kostengründen zum Jahresende aufgelöst.

Für alle Einrichtungen fanden sich neue Trägermodelle, nur nicht für Schloss Freienwalde. Die Stadtverwaltung hob abwehrend die Hände, verlangt ein Konzept. Die Kreisverwaltung Märkisch-Oderland ringt noch immer unter anderem mit dem Land Brandenburg um eine Lösung. „Wir können nicht alle Kultureinrichtungen übernehmen, die Kommunen in der Mark nicht mehr zu halten vermögen“, macht der Sprecher des Kulturministeriums, Stephan Breiding, deutlich. Lediglich Projektmittel seien möglich, um den 150. Geburtstag Rathenaus 2017 mit Veranstaltungen zu begehen, sagt er. „Die Rathenau-Ausstellung wird im nächsten Jahr wieder zugänglich sein. Die Frage ist allerdings noch, in welcher Art und Weise“, sagt der Sprecher der Kreisverwaltung Märkisch-Oderland, Thomas Behrendt. Mit seiner Roten Liste rückt der Deutsche Kulturrat im Bestand bedrohte Einrichtungen ins Licht der Öffentlichkeit. Deutschlandweit waren es bisher 104. Manchmal gelinge durch die so erzeugte Aufmerksamkeit eine Rettung, sagt Mitarbeiterin Seda Inan. Rathenaus Erbe zu bewahren, ist nach Ansicht des Gremiums eine Verpflichtung für den Kreis. Denn die Nachkommen des Politikers, Künstlers und Intellektuellen hatten das Schloss dem Landkreis Oberbarnim genau unter dieser Prämisse geschenkt. Rechtsnachfolger ist der Kreis Märkisch-Oderland. „Von Rathenau stammt die Vision der europäischen Integration, die 85 Jahre später Wirklichkeit geworden ist“, sagt Schmook. „Er war im Denken vielen seiner Zeitgenossen weit voraus.“ Für den 65-jährigen Historiker gibt es deutschlandweit keinen authentischeren Ort, an das Leben und Wirken Rathenaus zu erinnern. Und die Erinnerungskultur gehöre zur nationalen Identität einer Gesellschaft, sagt der Bad Frei-enwalder, der Ende Januar 2017 in den Ruhestand geht.  

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