Naturschutz : Auf den Spuren der Schlingnatter

Eine Schlingnatter ist auf einem Waldboden im Schlaubetal zu sehen.
Eine Schlingnatter ist auf einem Waldboden im Schlaubetal zu sehen.

Die zweithäufigste Schlangenart lebt meist im Verborgenen / Im Schlaubetal ist ihr jedoch seit Jahren ein Ranger auf der Spur.

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27. Juni 2020, 05:00 Uhr

Die Schlingnatter macht sich rar. An drei Kontrollstellen am Rand des Schlaubetals bei Müllrose (Oder-Spree) hebt Ranger Nico Brunkow vorsichtig Dutzende Dachpappe-Stücke und Blechplatten an, die mit Steinen beschwert sind. Außer Ameisen und einer Maus findet er nichts. „Normalerweise legen sich die Schlangen gern unter die Platten, die von der Sonne erwärmt werden. Aber heute ist kein Fangtag“, meint er.

Zwei Tage zuvor hatte Brunkow mehr Glück. Er fand eine der unscheinbaren Schlangen. „Die Tiere haben verschiedene Schuppen-Nackenmuster, die sind wie ein Fingerabdruck“, erklärt der Ranger, wie er die ungiftigen Schlingnattern unterscheidet. Eine hat Brunkow in vier Jahren 13 Mal entdeckt.

Sobald er eine Schlange entdeckt, muss er schnell sein. „Sie verharrt nur kurz, bevor sie flüchtet.“ Brunkow greift sie im hinteren Kopfbereich, kontrolliert Gewicht und Länge, macht ein Foto vom Nackenmuster. Dann ist das Tier frei. „ Schlingnattern ist vor allem in ostdeutschen Seen- und Heidegebieten zuhause. Im Schlaubetal gab es immer wieder Sichtungen“, erklärt der Ranger, warum er seit mehr als zehn Jahren Monitoring dernach europäischen Richtlinien streng geschützten Art betreibt. 173 Stück entdeckte er seit 2009.

Von April bis Oktober ist er regelmäßig unterwegs, schaut unter 150 künstliche Verstecke. „Anders lassen Schlingnattern sich nicht zählen, sie sind durch ihre graubraune Färbung gut getarnt, hängen oft in Ästen.“ Funde notiert Brunkow akribisch. 2009 hatte er sechs Exemplare entdeckt, bis 2016 waren die Funde in jedem Jahr zweistellig. Auch Jungtiere waren dabei, ein Zeichen, dass sich die Schlingnattern vermehren.

2019 fand Brunkow nur acht Tiere. Die Population sei leicht rückläufig, wohl auch, weil die bevorzugten Lebensräume auf früheren Truppenübungsplätzen mit einst offenen Heidelandschaft immer weiter zuwachsen, vermutet der Ranger. „Schlingnattern brauchen eine strukturreiche Landschaft. Dunkel und schattig mögen sie es nicht.“

Der Lebensraum offener Flächen mit Wärme und Sonne schwinde, bestätigt Immo Tetzlaff, Vize-Vorsitzender der Brandenburger Arbeitsgemeinschaft Natur- und Artenschutz (Argena). „Wenn Grünstreifen zwischen Wald und Siedlung oder an Äckern verschwinden, die Landschaft immer aufgeräumter wird, verschwinden die Schlingnattern“, sagt er. Zudem fehle Futter, denn Eidechsen gebe es nicht mehr flächendeckend.

Die kaum bekannte Schlange, nach der Ringelnatter in Deutschland am weitesten verbreitet, sei nur wenig erforscht, meint Johannes Müller, Sprecher der Brandenburger Naturwacht, zu der die Ranger in den Großschutzgebieten. Es gebe ein landesweit vorgeschriebenes Monitoring für besonders gefährdete Arten wie die Schlingnatter. „So intensiv wie im Schlaubetal passiert das aber nirgends. Deshalb ist die einzige in Deutschland vorkommende Würgeschlange hier so verhältnismäßig häufig gesichtet worden“, sagt er.

Auch in anderen sandigen Regionen wie Schorfheide, nördlicher Berliner Rand, Lieberoser Heide und Beelitzer Sander gibt es Schlingnatter-Sichtungen, sagt Tetzlaff. Agena erstellt mit anderen Naturschutzorganisationen und Ehrenamtlichen Verbreitungskarten für Amphibien und Reptilien. „Überall sind Rückgänge zu beklagen, die schwer nachweisbar sind, da diese Schlangenart so im Verborgenen lebt“, sagt Tetzlaff.

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