Chronisten : Archivare der Dörfer

Treffen der Ortschronisten in Seddiner See. Verschiedene Publikationen liegen aus.
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Treffen der Ortschronisten in Seddiner See. Verschiedene Publikationen liegen aus.

Ehrenamtliche Chronisten tragen mühevoll die Geschichte ihrer Orte zusammen. Zuschüsse sind selten

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27. Juni 2016, 12:00 Uhr

In Brandenburg wirken nach Angaben des Landeshauptarchivs noch rund 250 Ortschronisten. Die meisten tragen jahrelang Materialien zusammen – doch für Veröffentlichungen fehlen Geld und fachlicher Rat. Letzteren bot ein Treffen der Hobby-Historiker in Seddiner See (Potsdam-Mittelmark).

Helga Kästner könnte man als graue Eminenz der Heimatforscher in Brandenburg bezeichnen. Die 80-jährige Ortschronistin aus Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) hat an mehr als 100 Broschüren und Büchern mitgewirkt, die von der Geschichte ihrer Region handeln. Ihre Stadtchronik umfasst schon fünf Bände, weitere sind in Arbeit.

Doch dieser Blick in die Vergangenheit kostet viel Zeit. „Man geht zuerst auf Schatzsuche“, beschreibt die ehemalige Lehrerin ihren Start als Chronistin. „Man schaut in Schränke der Rathäuser, stöbert auf Dachböden der Schulen, lädt Senioren zu Gesprächen ein.“ Dann folge die Recherche in Archiven.

Der Weg zur Ortschronik ist lang, wie Kästner berichtet. In Bad Belzig hatte der Bürgermeister schon 1914 den Wunsch geäußert, durch die Inflation und den Krieg kam nichts zustande. Zu DDR-Zeiten wiederum sei Material gesammelt worden, „aber es gab kein Papier zum Drucken“. Nach der Wende wiederum fehlte Geld, um Druckereien zu bezahlen.

Angesichts des immensen Aufwands hat Kästner den Anspruch aufgegeben, historisch exakte Chroniken zu verfassen. Hilfreich seien Berichte von Pfarrern und Lehrern gewesen, ebenso liegen Autobiografien von Persönlichkeiten aus Bad Belzig vor. „Das sind Glücksfälle.“

Die Ortschronistin leitete ABM-Kräfte an, bündelte das Wissen, sichtete unzählige Fotoalben und komplette Nachlässe. Immer wieder steckte sie ihr eigenes Geld in die Projekte, finanzielle Unterstützung gewährte vor allem die Chronistenvereinigung in Potsdam-Mittelmark. „Ich bin mir sicher, wenn ich abtrete, geht es leider nicht mehr weiter“, sagt sie.

In anderen Orten wurde immerhin schon die Nachfolge geregelt. „Mich hat man dazu überredet“, sagt Janine Bramer aus dem Vetschauer Ortsteil Nauendorf. Dabei hat die 34-Jährige neben der Betreuung ihrer zwei Kinder und der Vollzeitstelle nur wenig Zeit. Daher widmet sie sich ausschließlich der Neuzeit und wertet mehrere Ordner mit Zeitungsartikeln aus, die ABM-Kräfte gesammelt hatten. „Ich will Begebenheiten in unserem Dorf festhalten“, sagt sie. „Für Tabellen mit Datumsangaben interessiert sich doch keiner.“

Auch Jessica Tanke aus Kummersdorf (Oder-Spree) sichtet erst einmal Kopien und Fotos, die zusammengetragen wurden. Zur 575-Jahr-Feier des Storkower Ortsteils 2017 will die Bezirksleiterin einer Krankenkasse eine erste Chronik vorlegen. „Ich plane dazu Workshops“, sagt die 30-Jährige. Ihr großer Vorteil: Sie kann altdeutsche Schrift lesen.

Markus Vette, Mitarbeiter des Landeshauptarchivs, rät Heimatforschern, zuerst klare Thesen zu formulieren, was eine Chronik vermitteln soll. „Es muss keine hochwissenschaftliche Veröffentlichung sein, aber sie sollte sich nur auf einen einzelnen Bereich wie Wirtschaft oder Gesellschaft konzentrieren“, meint der frühere Hochschullehrer, der sich in Brandenburg und Thüringen um Ortschronisten kümmert. „Sonst verzettelt man sich nur.“ Netzwerke tragen nach seinen Erfahrungen zum Erfolg der Arbeit bei.

In den landesweit 415 Gemeinden mit 1763 Ortsteilen wird es immer schwieriger, neue Heimatforscher zu finden. „Die Gemeindegebietsreform hat dieses Ehrenamt entwertet“, sagt Vette. Es bestehe die Gefahr, dass begonnene Arbeit liegen bleibe. Als Nachfolger stünden oft Geschichtsinteressierte bereit, die am Ende des Berufslebens stehen – die Hälfte der Ortschronisten seien Lehrer.

In Potsdam-Mittelmark wurde das Kreisarchiv davon überzeugt, private Sammlungen zu übernehmen. „Das Schlimmste wäre, wenn diese in der blauen Tonne landen“, sagt Jaromir Schneider, Vorsitzender der Chronistenvereinigung. Er fordert Bürgermeister dazu auf, mehr Unterstützung zu gewähren. „Eine Chronik ist zwar gewünscht, aber nur wenige geben einen Beitrag. Dabei ist das eine Arbeit für die Gemeinschaft.“

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