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Landes-Sortengarten Müncheberg : Arche des guten Geschmacks

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Immer wieder die gleichen Apfelsorten findet man im Supermarkt – im Landes-Sortengarten Müncheberg sind es mehr als 1000

Mit dem Supermarkt-Apfel verhält es sich für Hilmar Schwärzel wie mit dem Schlacht-Hähnchen aus dem Discounter. Gezüchtet auf schnellen, hohen Ertrag und ein kurzes Leben. Aber sicher nicht mit dem Ziel, das bestmögliche Geschmackserlebnis zu bieten. Der Leiter der Obstbau-Versuchsstation in Märkisch-Oderland, ein 58 Jahre alter Mann mit Hut und Schnauzbart, kann in ein paar Sätzen erzählen, wie es zu jener Verarmung kam. So waren Ende des 19. Jahrhunderts noch 2000 Apfelsorten im Handel. Nicht unkompliziert. Jede Woche wechselten das Angebot und die Preise.

Eine Offerte aus den USA, deutsche Händler ganzjährig mit zwei, drei Apfelsorten gleichbleibender Qualität zu liefern, schien ein Fortschritt, war aber der Anfang einer Sortimentsbereinigung. „Die Äpfel werden technologisch missbraucht“, fügt Schwärzel hinzu. „Geerntet lange bevor sie reif sind, in Kühlkammern in ein künstliches Koma versetzt, so dass später jemand reinbeißen, aber nichts schmecken kann.“ Das Gute ist, und damit schließt Schwärzel den Kreis zu den Müncheberger Apfelbäumen: Die genetischen Ressourcen aus der Vergangenheit sind weiter vorhanden. Aber man muss sie hegen und pflegen, erforschen und weiterverbreiten, klassifizieren und veredeln.

Und das ist seit mehr als 30 Jahren Hilmar Schwärzels Job. „Ich hüte das Vermächtnis meiner geistigen Väter“, sagt er. Vor 90 Jahren wurde in Müncheberg das Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung angesiedelt. Obstsorten sollten für den Anbau im ganzen Reich erprobt werden. „Was Müncheberg überlebt, gedeiht überall“, lautete die Maxime. Galt der Standort doch als vergleichsweise kalt und trocken. Auch zu DDR-Zeiten wurde hier geforscht. Brandenburg tut sich zunehmend schwer damit, das 32 Hektar große Areal finanziell am Leben zu halten, geforscht wird seit 2014 nicht mehr.

Schwärzel und seine Ehefrau sind derzeit die einzigen Mitarbeiter. Hinzu kommen zwei Gärtner als externe Dienstleister. „Noch wäre Zeit, dass ich vor dem Renteneintritt einen Nachfolger anlerne“, sagt er. Schwärzel will nicht klagen. Aber er verweist darauf, dass die 26 000 Gehölze Volksvermögen seien, dass es darum gehe, einen Generationenvertrag und die Klimagipfel-Ziele zum Artenschutz einzuhalten und für Wertschöpfung im ländlichen Raum zu sorgen. „Information, Beratung, Innovation“ – auf diese drei Begriffe kommt er immer wieder zurück, wenn man mit ihm durch die riesigen Plantagen wandert.

Dicht wie Weinreben hängen reife, klimawandelerprobte „Louis“-Kirschen an sich biegenden Ästen. Im Birnengarten ist am deutlichsten zu sehen, dass jeder der etwa 100 Bäume Früchte einer anderen Sorte hervorbringt – große, kleine, dicke, lange. Wenn der Experte mit dem Aufzählen anfängt, schwirrt einem der Kopf. Kuhfuß, Katzenkopf, Gute Graue, Robert de Neufville, Köstliche von Charneux oder Leipziger Rettichbirne heißen einige prominente Vertreter. Bei der Frage nach seiner Lieblingsbirne lautet die nüchterne Antwort: „Immer die, die gerade reif ist.“

Wer Rat sucht, kann sich nach Müncheberg wenden. Schwärzel hilft Obstbaubetrieben mit Sorten, die den Klimawandel vertragen, und den Kleingärtnern, wenn sie ihre Sorten bestimmen oder veredeln lassen wollen. Regelmäßig finden in Müncheberg Seminare statt, in denen Naturfreunde lernen, wie sie ihren Süßkirschbaum um ein paar Äste mit Sauerkirschen bereichern. Auch Häuslebauern, denen eine bestimmte Sorte Apfelbaum für den Garten vorschwebt, gibt er gern Tipps und das entsprechende Baum-Material, den sogenannten Edelreiser. „Sie müssen mir nur sagen, wie hoch die Äpfel später einmal hängen sollen, ob unter dem Baum Platz für eine Bank sein soll.“ Nicht zu vergessen: Diese Leistungen bringen Schwärzel auch Geld in die Kasse. Aber eigentlich müsse das Ziel sein, wieder zu forschen und über diverse Projekte Einnahmen zu erzielen, findet auch eine eigens gegründete Initiative, die von der Landesregierung verlangt, die Arbeitsfähigkeit der Station mit einer soliden Finanzierung zu sichern. Aber was ist, wenn das erhoffte Geld ausbleibt? Der Mann zuckt mit den Schultern. „Dann geht ganz schnell viel Wissen verloren. Bewirtschaftet man den Garten privat, bleiben von 1000 verschiedenen Apfelsorten vielleicht 50 übrig.“ Übertrieben wirken die Warnungen nicht. Schaut man sich um, steht in einzelnen Baumreihen das Unkraut bereits meterhoch, weil das Personal für die Pflege fehlt. Das Landesamt für Ländliche Entwicklung als Träger der Einrichtung macht auf Nachfrage allerdings wenig Hoffnung auf einen Wiederaufschwung in Müncheberg. Die Planungen für den Landeshaushalt würden so aussehen, dass es im kommenden Jahr bei der jetzigen Personalausstattung bleibe, erklärte der zuständige Abteilungsleiter Peter Hartig am Mittwoch. „Das reicht nicht, um aus der Anlage ein Schmuckstück zu machen“, bedauerte er. Hartig hofft, dass sich Freiwillige finden, die die Station ehrenamtlich in Schuss halten.

Mathias Hausding (MOZ)

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erstellt am 18.Jul.2016 | 09:26 Uhr

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