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Seltene Obstsorten : „Arche des Geschmacks“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In Märkisch-Oderland gibt es ein Paradies für seltene Obstsorten. Hilmar Schwärzel leitet seit 35 Jahren die Obstbau-Versuchsstation

svz.de von
erstellt am 13.Sep.2016 | 08:46 Uhr

Auf die Dauer ganz schön fade: In Supermärkten finden sich immer dieselben sechs oder sieben Apfelsorten. Viele Verbraucher wollen allerdings mehr Abwechslung und besinnen sich auf alte Sorten, die sie noch aus Omas Garten kennen.

In Müncheberg (Märkisch-Oderland) ist dieses Geschmackserlebnis noch zu finden. Auf vier Hektar Brandenburger Sortengarten erleben Besucher gerade zum beginnenden Herbst ein besonderes Farbenspiel. Nicht nur die Blätter der vielen Obstbäume färben sich, sondern auch Äpfel von rund 300 pflückreifen Sorten, dazu Birnen, Pflaumen und Quitten.

Für sechs Euro können sich Obstliebhaber nicht nur nach Herzenslust durch die hellgelben bis tiefroten Äpfel kosten. Sie dürfen ihre Lieblingssorten baumfrisch in Pappstiegen laden und mitnehmen. „Arche des Geschmacks“ nennt der promovierte Agraringenieur Hilmar Schwärzel diese aufgrund ihrer Vielfalt einmalige obstgenetische Sammlung, zu der allein mehr als 1000 verschiedene Apfelsorten und mehrere Hundert Birnensorten gehören. Seit 35 Jahren leitet er die Brandenburger Obstbau-Versuchsstation auf dem Gelände des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) – ein Reservoir an alten Sorten, die es so im Handel nicht mehr gibt.

„Schwärzel hat dafür gesorgt, dass das genetische Material, unsere 200 Jahre alte Apfelbaumallee zwischen Tempelberg und Gölsdorf, hier weiter wächst und die Kulturpflanzen nicht verloren gehen“, erzählt Kerstin Hellmich. Sie gehört zu einer Initiative, die sich um den Erhalt der Versuchsstation bemüht.

Denn bereits seit Jahren droht dem traditionsreichen Forschungsstandort das Aus, weil sich das Land Brandenburg auf seine Pflichtaufgaben konzentriert. Und dazu gehört die Obstbaumforschung nicht, auch wenn Brandenburg ein Gartenland sei, wie Jens-Uwe Schade, Sprecher des Brandenburger Agrarministeriums, betont. „Wenn wir die Station dicht machen wollten, hätten wir es schon längst getan“, macht er aber deutlich.

Dass die Müncheberger Einrichtung derzeit auf Sparflamme gehalten und seit 2014 nicht mehr erforscht werde, sei nur übergangsweise, sagt der Sprecher. Im Ministerium wurde seinen Angaben nach ein Gartenbaukonzept erarbeitet, das Minister Jörg Vogelsänger am 16. September vorstellen will. Ein Bestandteil ist das insgesamt 32 Hektar große Müncheberger Freiluftlabor. „Der Gartenbauverband Berlin-Brandenburg hat sich dazu bekannt, also werden wir es auch tun“, betont Schade.

Die Obstbauern im Land gingen davon aus, dass die Zukunft der Station bis zum Jahresende geklärt und die Forschung finanziell abgesichert sei, bestätigt Thomas Bröcker, Obstbauer in Frankfurt (Oder) und Vorstandsmitglied im Verband. „Die Station ist für uns nicht verzichtbar. Schwärzel rekultiviert und veredelt nicht nur die alten Kulturpflanzen, er testet auch neue vor dem Hintergrund des Klimawandels“, erklärt Bröcker.

So sei es dem Müncheberger zu verdanken, dass Aprikosen, aber auch Pfirsiche, Kulturheidelbeeren, Himbeeren, Tafeltrauben, Wintertafelbirnen und sogar Kiwis in Brandenburg professionell angebaut werden – wenn auch teilweise nur für die Direktvermarktung.

Dass er tatsächlich ein Obstbau-Guru ist, beweist Schwärzel nicht nur bei der Bestimmung von Sorten oder Führungen durch die weitläufigen Obstplantagen seines Refugiums, sondern auch wenn er Weichobst-, Aprikosen- oder Kernobstseminare veranstaltet und über die Veredelung von Bäumen spricht. Dann strömen Obstbauern und Kleingärtner aus ganz Brandenburg und aus Berlin nach Müncheberg.

Dabei offenbart der 58-Jährige nicht nur sein umfassendes Wissen, inklusive Reifezeit, geschmacklichen Vorzügen und Empfehlungen zur Verwendung der jeweiligen Sorte. „Kulturpflanzen kann ich nur durch Nutzung erhalten“, erklärt Schwärzel, warum er Besuchern unermüdlich fast vergessene „Gravensteiner“, „Borsdorfer“ oder „Herbstkalville“ schmackhaft macht.

Seine Aufgabe sei es, den individuellen Gebrauchswert jeder Sorte herauszufiltern und neue Nutzungsformen zu entwickeln, erklärt er seinen Anspruch. Dazu gehört auch, sie vor dem Hintergrund einer inzwischen längeren Vegetationsperiode in Brandenburg anbaufähiger zu machen. So gedeihen die widerstandsfähigen Müncheberger Obstbäume beispielsweise bei Temperaturen zwischen minus 30 und plus 40 Grad.

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