Integration Landzeitarbeitsloser : Arbeit in der Pflege oder im Büro

Steffi Engels (3.v.l.) und Ronny Kraemer, beide ehemalige Langzeitarbeitslose, sitzen mit Betreuern und Ausbildern der Integrationsbegleitung für Langzeitarbeitslose und Familienbedarfsgemeinschaften zusammen.
Steffi Engels (3.v.l.) und Ronny Kraemer, beide ehemalige Langzeitarbeitslose, sitzen mit Betreuern und Ausbildern der Integrationsbegleitung für Langzeitarbeitslose und Familienbedarfsgemeinschaften zusammen.

Die Gründe für eine lange Arbeitslosigkeit sind verschieden / Können Betroffene dem Teufelskreis entkommen? Welcher Arbeitgeber gibt ihnen eine Chance?

svz.de von
08. August 2019, 05:00 Uhr

Ronny Kraemer war 20 Jahre lang Landschaftsbauer, dann verlor er die Arbeit und lebte acht Jahre von Hartz IV. Obwohl er im Landschaftsbau nicht mehr arbeiten konnte, wollte die Arbeitsagentur einer Umschulung nicht zustimmen - im Landschaftsbau fehlen Fachkräfte. „Jetzt bin ich Betreuungspflegekraft und habe meinen Traumberuf“, sagt der 46-Jährige, der in Oranienburg (Oberhavel) lebt.Dass Langzeitarbeitslose wieder einen sozialversicherungspflichtigen Job finden, ist nicht die Regel und bislang eher ein Glücksfall. Kraemer gelang mit Hilfe des Förderprogramms des Europäischen Sozialfonds Integrationsbegleitung für Langzeitarbeitslose und Familienbedarfsgemeinschaften der Umstieg im Beruf und der Einstieg in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit.

Im Land waren nach jüngsten Angaben der Arbeitsmarktstatistik im Juni 28 548 Langzeitarbeitslose registriert, 4513 weniger als im Juni 2018. Im Gegenzug fehlen in den meisten Bereichen Arbeitskräfte: Fachleute aber auch Menschen, die einfache Arbeiten erledigen.

Brandenburgs Arbeitsministerin Susanna Karawanskij (Linke) sieht in den Langzeitarbeitslosen vergeudete Ressourcen. „Das belegen die bisherigen Ergebnisse unseres vom Europäischen Sozialfons görderten Programms“, betont sie. Es sei erfolgreich und werde fortgesetzt. „Ich bin froh darüber, dass wir uns der Gruppe der Langzeitarbeitslosen zugewandt haben.“ Für das Brandenburger Förderprogramm stehen von August 2015 bis Juli 2020 rund 40 Millionen Euro EU-Mittel bereit. Innerhalb von knapp zweieinhalb Jahren nahmen etwa 3700 Brandenburger daran teil.

Etwa ein Drittel von ihnen verdienen wieder durch Arbeit ihren Lebensunterhalt und sind weg von Hartz IV. Sie sind nun Reinigungskräfte, Hauswirtschafter, erledigen Bürojobs oder helfen als Betreuungsassistenten.

Kraemer kam im Projekt der Nestor Bildungs GmbH unter, die Menschen wieder fit für den Job macht. „Wir begleiten sie auf dem Weg dahin“, sagt Projektleiterin Dana Max. „Oft geht es zunächst um Themen wie soziale Stabilisierung, Pünktlichkeit oder Teamfähigkeit.Dann werden Interessen und Fähigkeiten ausgelotet.“ Von 2015 bis 2017 nahmen dort fast einhundert Hartz-IV-Empfänger teil, gut ein Drittel von ihnen fand eine Arbeit. Seit 2018 bis 2020 läuft das zweite Projekt mit 61 Teilnehmern, von denen jeder zweite selbst für seinen Lebensunterhalt arbeitet.

Jenny Riedel, Geschäftsinhaberin der Oranienburger Firma Mobile Office Management, hat einige Praktikumsplätze bereitgestellt. „Wir sind immer gut miteinander zurecht gekommen. Die Praktikanten haben im Büroalltag Einsatz gezeigt“, sagt Riedel, die Bürodienstleistungen für kleine und mittlere Unternehmen anbietet. So wurden Recherchen geführt, Statistiken angelegt und ausgewertet, aber auch die Telefonzentrale bedient. Wichtig sei, eigene Fähigkeiten auszutesten und das Selbstwertgefühl zu steigern, sagt sie.

Im Landkreis Oberhavel stehen etwa 50 potenzielle Praktikumsfirmen in der Kartei von Nestor, die Mitarbeiter suchen und sich künftig Verstärkung erhoffen. „Viele Unternehmen sind bereit, die Arbeitsbedingungen etwas anzupassen und für weitere Qualifizierung zu sorgen“, so Max. „Sie geben den Mitarbeitern in spe auch mal Zeit zum Auftauen.“ Das Ganze stehe und falle aber auch mit der Bereitschaft der Praktikanten, sich selbst auf die neue Lebenssituation einzustellen und daran mitzuwirken.

Steffi Engels musste die Ablehnung vieler Bewerbungen verkraften: kein Berufsabschluss, Mutter eines kleinen Sohnes und ein schwerkranker Mann zu Hause. „Firmen denken, ich kann nicht zuverlässig sein“, sagt die 37-Jährige die über Jahre von Sozialleistungen lebte. Durch das Projekt des Nestor Bildungsinstituts wurde sie an eine Zeitarbeitsfirma vermittelt, sorgte für Ordnung im Speisesaal einer Klinik, arbeitete in kaufmännischen Bereichen anderer Auftraggeber. „Mit jedem Einsatz erweitert Frau Engel ihre Kenntnisse und Qualifikationen“, sagt Max. Ein fester Bürojob steht Ende des Sommers in Aussicht. Ein Auftraggeber übernimmt sie.

Es gebe Hartz-IV-Empfänger, die sich mit ihrer Lage arrangiert haben, so Max. „In der Regel reagieren sie aber auf einen Anstoß.“ Betreuungspflegekraft Kraemer fühlt sich bei seinen Kollegen anerkannt. Für Alte und Behinderte kauft er ein und hilft bei alltäglichen Dingen wie Körperpflege. „Endlich bin ich für das Amt nicht mehr der gläserne Mensch“, freut er sich das selbst verdiente Geld. Steffi Engel will vor allem ihrem Sohn etwas bieten. „Und ich kann sagen: Ich habe Urlaub, weil ich gearbeitet habe.“

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