Norddeutschland : Angst vor dem Wolf

Die Rückkehr des Wolfs weckt vielerorts Ängste und Vorurteile.
Die Rückkehr des Wolfs weckt vielerorts Ängste und Vorurteile.

Raubtier hält niedersächsisches Dorf in Atem. Auch im Osten häufen sich die Konflikte.

svz.de von
10. März 2016, 12:00 Uhr

Es geschah Mitte Februar in der Lüneburger Heide: Eine Frau geht mit dem Kinderwagen spazieren, als ein Wolf vor ihr steht. Sie geht nach Hause und vor dem Hof wartet der Wolf auf sie. „Der hat nichts gemacht, nur geguckt, aber das hat mir gereicht. Der hatte keine Angst“, sagt Melanie Pankla.

Die Behörden holen einen Wolfsexperten aus Schweden. Er soll das Tier mit Gummigeschossen verjagen. Nach drei Tagen reist dieser erfolglos wieder ab. Der mit einem Sender versehene Wolf sei wieder scheu gewesen, habe ihn nicht näher als 200 Meter herankommen lassen.

Christiane Schröder, Geschäftsführerin des Naturschutzbunds Brandenburg, kann die Reaktion der Verantwortlichen nachvollziehen. „So etwas muss man ernst nehmen. Dass ein zahmer Wolf austickt, will niemand“, sagt sie. Wann man von einem zahmen oder verhaltensauffälligen Wolf sprechen könne, sei in der Praxis schwierig zu entscheiden. „Immer wieder beobachten und abwägen“, empfiehlt sie.

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Ein Konflikt wie in Niedersachsen ist in Brandenburg noch unbekannt. „Auch bei uns brechen Ängste und Vorurteile auf, wenn der Wolf erstmals auftaucht“, sagt die Expertin. Südlich von Berlin hätten sich die Menschen an den neuen Nachbarn gewöhnt. „Tierhalter wissen, worauf sie achten müssen.“

Zunehmend breiten sich Wölfe im Norden des Landes aus, neue Konflikte drohen. „Dort gibt es viele Schafhalter mit drei bis zehn Tieren“, sagt Christiane Schröder. Sie müssten sich darauf einstellen, ihre Tiere zumindest nachts besser zu schützen, mit Zäunen oder einem Stall.

Wie viele Wölfe es in Brandenburg gibt, weiß niemand. Die Landesregierung nennt seit Jahren 100. Robert Franck, Wolfsbeauftragter beim Landesjagdverband, rechnet mit 120 plus Dunkelziffer. „Man kann sie nicht zählen“, sagt er. „Wir werden sie nicht wie in Schweden mit Helikoptern verfolgen.“ Nötig sei, das Monitoring zu verbessern, alle Hinweise zu erfassen, um zu wissen, worüber man rede. Und Aufklärung fehle. „Brandenburg braucht ein Wolfsinformationszentrum“, sagt Franck. „Das ist im Plan zum Wolfsmanagement festgeschrieben.“ Es gebe viele Fragen. „Wenn wir die nicht beantworten, brodelt es weiter.“

Die Jäger stünden dem einst ausgerotteten Raubtier gespalten gegenüber. „Manche finden seine Rückkehr toll, andere warten ab, wie sich alles entwickelt, aber die Mehrzahl der Jäger ruft sicher nicht hurra“, erläutert Franck. „Die Anwesenheit des Wolfs verändert das Verhalten des Wilds.“ Mit dem aktuellen Wolfsmanagementplan im Land sei man zufrieden, habe aber politische Wünsche. „Der Schutzstatus sollte etwas gelockert werden, damit Tiere, die große Schäden anrichten, entnommen werden können.“

Gregor Beyer formuliert deutlich forscher. „Wir brauchen eine Obergrenze“, sagt der Geschäftsführer des „Forum Natur Brandenburg“, das Landnutzer vertritt. Hauptberufliche Schäfer hätten sich gut auf den Wolf eingestellt und würden im Falle eines Falles angemessen entschädigt. „Aber der Wolf holt vermehrt Rinder und Pferde. Wie will die Politik das finanzieren, wenn ein teures Reitpferd gerissen wird?“, will Beyer wissen.

Bald müsse eine Grenze gesetzt werden. Der Wolf komme unaufhaltsam näher. Zwei Tiere seien innerhalb des Berliner Rings in Fotofallen getappt. Beyer weiß auch, wie Einhalt geboten werden kann. In Finnland, elfmal größer als Deutschland, gelte eine Obergrenze von 220 Tieren. Dann würden Abschusslizenzen vergeben.

Beyer argumentiere stark lobbygesteuert, sagt Christiane Schröder. Aber es sei legitim, Wünsche und Befürchtungen zu äußern. „Und es wird auch nicht bis in alle Ewigkeit so bleiben, dass Wölfe niemals entnommen werden dürfen.“ Am hohen Schutzstatus sei nicht zu rütteln, aber es gehe dem Nabu auch nicht darum, die Tiere um jeden Preis zu schützen, sagt sie mit Blick auf eventuelle Problem-Wölfe.

Warum 2016 schon vier Wölfe auf Brandenburgs Straßen starben und ob das auf stark steigende Bestände deutet, können Robert Franck und Christiane Schröder nicht sagen. Zumindest würden die Unfälle zur Jahreszeit passen. „Jungen Wölfen wird es gerade zu eng im elterlichen Revier. Es gibt Stress, sie wandern ab“, sagt die Nabu-Geschäftsführerin. Um die 60 Kilometer laufen sie pro Nacht. „Wie sie sich beim Überqueren einer Straße zu verhalten haben, hat ihnen niemand gesagt.“

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