Angst frisst Brandenburger auf

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12. Mai 2010, 01:57 Uhr

Potsdam | Die Wirtschaftskrise und die Kältewelle im Winter haben den Krankenstand bei Arbeitnehmern in Brandenburg auf Rekordhöhe getrieben. Mit einem Anstieg von 0,3 auf 4,3 Prozent lag der Wert im vergangenen Jahr genauso hoch wie zuletzt in den Krisenjahren nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Damit verzeichnet Brandenburg für 2009 den höchsten Krankenstand aller Bundesländer und übertrifft klar den deutschlandweiten Schnitt von 3,4 Prozent. Das geht aus dem Report des Berliner IGES-Instituts für die Krankenkasse DAK hervor, bei der zehn Prozent der Brandenburger versichert sind. Die Zahlen gelten nach Angaben der Kasse als repräsentativ für das gesamte Land. Nach ein Tiefststand von 3,7 Prozent im Jahr 2006 steigen die Zahlen wieder an.

Auch im DAK-internen Vergleich sind Arbeitnehmer in Brandenburg häufiger und länger krank als anderswo. Im Bundesdurchschnitt fehlte ein Arbeitnehmer 12,4 Tage pro Jahre wegen Krankheit, in Brandenburg sind es 15,8 Tage, im Jahr zuvor waren es noch 14,5 Tage. Je hundert Mitglieder zählte die DAK im vergangenen Jahr 138 Erkrankungsfälle, deutschlandweit sind es 115. Die höchsten Krankenstände gab es in der öffentlichen Verwaltung, im verarbeitenden Gewerbe und im Gesundheitswesen. Besonders Erkältungen infolge des frostigen Winters haben für den Anstieg von 30 Prozent mehr Fehltagen gesorgt, ein Viertel aller Arbeitsausfälle geht auf Atemwegsbeschwerden zurück.

Doch "die individuellen Zukunftssorgen in der Wirtschaftskrise führen dazu, dass Arbeitnehmer trotz Krankheit mit Fieber oder Infektionen häufig weiter arbeiten gehen", sagte Marlies Meier, die Leiterin des Cottbuser DAK-Regionalzentrums gestern in Potsdam. Die Zahl der Firmeninsolvenzen sei 2009 um drei Prozent gestiegen. "Tausende Beschäftigte sorgten sich mit ihren Familien um ihren Arbeitsplatz. Daher fehlt keiner leichtfertig wegen Krankheit in seinem Job", sagte Meier. Die Beschäftigten in der Mark schleppen sich viel zu lange zur Arbeit. Erst wenn gar nichts mehr geht, lassen sie sich vom Arzt krankschreiben.

Die Folgen dieses Verhaltens sind auch volkswirtschaftlich von Belang: Die Erkrankungen verlaufen schwerer und dauern länger an. Hinzu kommt, dass die Brandenburger "nicht so gern zur Vorsorge wie Impfungen gegen Grippe gehen", sagte der Mediziner Frank Käßner vom Ambulanten Zentrum für Lungenerkrankungen und Schlafmedizin in Cottbus. Allerdings haben die traditionell in den neuen Bundesländern höheren Krankenstände auch ein anderen Grund. "Es scheint einen kulturellen Unterschied zu Westdeutschland zu geben", sagte Martin Plass, Sprecher des DAK-Geschäftsgebietes Ost. "Die Beschäftigten in den neuen Bundesländern sind bei Arbeitsunfähigkeit disziplinierter, holen sich einen Krankenschein und geben diesen ab."

Weitere Gründe für Arbeitsausfall in Brandenburg waren 2009 meist Beschwerden im Muskel-Skelett-System (21,9 Prozent), Verletzungen (14,4 Prozent) und psychische Erkrankungen (8 Prozent). Hier verzeichnete das IGES-Institut bei den Fehltagen aber einen Zunahme um fünf Prozent. In Zusammenhang damit steht auch ein Anstieg bei Schlafstörungen. Laut IGES-Umfrage litten 54 Prozent der Brandenburger in den vergangenen drei Monaten darunter, bundesweit nur 49 Prozent. 94 000 Brandenburger - also zehn Prozent der Bevölkerung - haben demnach hochgradige Schlafprobleme, häufig auslöst durch Stress und Ängste.

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