Brandenburgischer Kulturpreis : Am grünen Rand der Welt

Liebt die Einsamkeit des Oderbruchs: Sophie Natuschke mit Hund Oleg im Garten ihres Loose-Hofes.
Liebt die Einsamkeit des Oderbruchs: Sophie Natuschke mit Hund Oleg im Garten ihres Loose-Hofes.

Seit vier Jahrzehnten behauptet sich die Grafikerin Sophie Natuschke auf dem Gehöft in Güstebieser Loose im Oderbruch.

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21. Juni 2017, 05:00 Uhr

Wiesen. Felder. Soweit das Auge reicht. Dazwischen immer wieder ein paar zusammengekauerte Bäume, Buschwerk. Einzige Erhebung: der Oderdeich, über dem sich ein hoher Himmel wölbt, an dem die Störche kreisen. Und Kraniche. Sophie Natuschke hat ihre langen, grau glänzenden Federn aufgesammelt und wie Blumen in eine Vase gesteckt. Nun steht sie auf dem Gartentisch. Kommt ein Besucher, wird er freundlich eingeladen, sich eine Feder herauszuziehen. Die Künstlerin teilt gern ihre Begeisterung: „Ist diese nicht besonders schön?“

Seit gut vier Jahrzehnten lebt Sophie Natuschke auf dem Gehöft in Güstebieser Loose (Märkisch-Oderland). Sich dort zu behaupten, eine Passion zu haben, neben der künstlerischen Arbeit ein Botschafter für die alten Loose-Höfe zu sein: Das alles sieht sie mit dem Brandenburgischen Kunstpreis jetzt ausgezeichnet. Auch, wenn die Jury ihr diesen eigentlich für drei Kaltnadelradierungen aus der Serie „no go area“ zugesprochen hat. „Ich habe das gar nicht so auf diese Arbeit bezogen“, sagt sie. „Sondern darauf, dass ich immer weitermache.“

Im sächsischen Bautzen ist Sophie Natuschke geboren, 1950. 20 Jahre später begann sie ihr Grafik-Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Ihr Abitur hatte sie, wie in der DDR nicht unüblich, zuvor im Rahmen einer Facharbeiterausbildung gemacht. „Schlosser“, sagt Sophie Natuschke und fügt mit kokettem Lächeln hinzu: „Ich kann Innengewinde drehen.“

Als das Angebot mit dem Loose-Hof kommt, hat sie ihr Studium bereits abgeschlossen, ein paar Monate Zusatzausbildung in Polen drangehängt und sich – „völlig unüberlegt“ – eine Druckerpresse gekauft. „Ich dachte: Jetzt geht’s los!“ Etwas, das nun in doppeltem Sinn gilt. Und Sophie Natuschke überlegt nicht lange.

Ihre Freundin und Kollegin Anka Goll ist auch gerade nach Güsterbieser Loose gezogen, dazu gibt es gute Verbindungen zum Verband Bildender Künstler in Frankfurt (Oder). Der Kontrast, allein sein zu können und doch Menschen um sich zu haben, reizt die junge Grafikerin. Sie spürt die „Erdung“ – und bleibt. Selbst als später mit der Wende alles wegzubrechen droht. Der Beruf, das marode Haus, die Partnerschaft. Mitten im Nirgendwo ist Sophie Natuschke nun auch noch alleinerziehend. Aber: „Ich wollte hier bleiben, dranbleiben. Es war ja mein selbst gewählter Ort.“

Also beißt sie sich in der Arbeit fest, baut erst mal gemeinsam mit Gerlinde Förster in Rangsdorf den brandenburgischen Ableger des Künstlerinnenverbandes Gedok auf. Und verlegt auf dem heimischen Hof, da ihre Werkstatt kaputt ist, ihr Atelier kurzerhand nach draußen. Was sie dort zu Papier bringt, hat seine Wurzeln auf den Feldern, wo sie mit den Augen den Linien der Landschaft folgt. „Ich bin ein Guckmensch“, sagt Sophie Natuschke, „hole die Themen nicht aus mir selbst heraus, sondern aus dem, was mich umgibt.“

„Kleinstveränderungen“ nennt sie das, was sie interessiert. Ihnen ist die Künstlerin auf der Spur, bei ihren Spaziergängen durchs Bruch ebenso wie beim Sitzen auf ihrer Terrasse, dem „Sommerwohnzimmer“, wo sie tanzende Mückenschwärme, Vögel, Eidechsen im Blick hat. Hier, an diesem Ort zu bleiben, ist für Sophie Natuschke alternativlos. „Das hat sicher mit meinen Kindheitslandschaften zu tun“, überlegt sie und erzählt von ihrem Vater, Sachsens erstem Fledermausberinger, der die Tochter immer wieder mitnahm bei seinen nächtlichen Ausflügen in die Lausitzer Seenlandschaft. „Die Nacht bedeutet für mich seitdem Geborgenheit. Dieses Gefühl, dass die Wildnis mich aufnimmt.“

Vielleicht ist es dieses Vertrauen in die Natur, das Sophie Natuschke in der Einsamkeit des Oderbruchs ausharren lässt. Die Welt dorthin einzuladen, versuchen seit fast zwei Jahrzehnten die Kunst-Loose-Tage. Eine „Flucht nach vorn“, wie Sophie Natuschke es beschreibt, geboren aus der Idee, „den Künstlern hier eine Verdienstmöglichkeit zu geben“.

Das Wochenende im Frühjahr, an denen sie ihre Werkstätten und Ateliers öffnen, ist längst ein Selbstläufer geworden. Einer, an dem Sophie Natuschke ihre „Brötchen“ in Szene setzt, kleinere Grafiken von Käfern, Fliegen, Wühlmäusen, die von den Besuchern gleich mitgenommen werden können. Vielen von ihnen wohnt, wie auch anderen Arbeiten der Künstlerin, ein feiner Humor inne, ein Blick, verbunden mit einem Augenzwinkern. „Ich habe eine Scheu vor Mittelmaß, vor Banalität“, versucht Sophie Natuschke eine Erklärung. „Humor ist die Quintessenz. Etwas so auf den Punkt zu bringen, dafür muss man viel Ballast wegspalten.“

Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – das ist etwas, was das Leben dort am Rand des Bruchs ganz automatisch fordert. In Sophie Natuschkes Werk findet es sich wieder – egal ob in ihren mal fein, mal kraftvoll gesetzten Radierungen oder den filigranen und doch ganz erdverbunden wirkenden Geschöpfen, die sie aus Draht spinnt. Ihr Stil habe sich mit den Jahren verändert, sei ruppiger geworden. „Früher“, sagt die Künstlerin ohne jede Sentimentalität, „bin ich schon sehr romantisierend mit der Landschaft umgegangen.“

Preisverleihung und Ausstellungseröffnung am 16. Juli, 12 Uhr, dann bis 8. Oktober dienstags und donnerstags von 10 bis 18 Uhr, Schloss Neuhardenberg.

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