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Ausstellung zu Displaced Persons : Als Kultur Leben rettete

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Aus der Onlineredaktion

Millionen Verschleppte lebten nach dem Zweiten Weltkrieg in Lagern auch in Norddeutschland. Eine Ausstellung zeigt, wie wichtig Theater, Musik und Literatur für die polnischen „Displaced Persons“ waren.

svz.de von
erstellt am 14.Okt.2017 | 16:00 Uhr

„Wir können nicht Polnisch sprechen, wir können in keinerlei Kategorien irgendeiner Staatsräson denken, wir können nicht einmal nach den primitivsten Grundprinzipien des kollektiven Lebens leben.“ Das schrieb Tadeusz Borowski, der im Band „Bei uns in Auschwitz“ lakonischer und drastischer als alle anderen Schriftsteller seine KZ-Erlebnisse schilderte, kurz nach Kriegsende im DP-Camp München. Er war einer von acht Millionen so genannter Displaced Persons (DP), die als Verschleppte in Deutschland den Krieg überlebt hatten – traumatisiert, hoffnungs- und perspektivlos.

Mehr als eine Million von ihnen kam aus Polen, als Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter oder Zivilarbeiter. Viele hatten alle Angehörige verloren, kaum einer wollte hier bleiben. Dennoch mussten sie vielfach über Jahre hinweg in DP-Lagern leben, weil die Ausreise kompliziert war. Die Kultur gehörte zu den raren Hoffnungsschimmern für viele Menschen im Wartestand – davon handelt die gerade in der Gedenkstätte Bergen-Belsen eröffnete Ausstellung „Zwischen Ungewissheit und Zuversicht. Kunst, Kultur und Alltag polnischer Displaced Persons in Deutschland 1945-1955“.

Musik als verbindendes Element: Freizeitmusiker 1947 im Internat Haltern.
Musik als verbindendes Element: Freizeitmusiker 1947 im Internat Haltern. Foto: Rektorat der Polnischen Kath. Mission in Dt.

In fast allen Lagern gründeten sich Amateurtheatergruppen, Musiker gestalteten gesellige Abende, Chöre und Tanzgruppen sorgten für Abwechslung, Lagerzeitungen lieferten Informationen aus der Heimat. Lübeck entwickelte sich bis 1948 zu einer Hochburg für polnische Verlage, die von DPs gegründet wurden und den Hunger nach polnischen Druckerzeugnissen kaum stillen konnten. Lyrik und Prosa aus den Lagern, ältere polnische Literatur, Kinderhefte, Schulbücher – alles war gefragt.

Lagerzeitungen dienten der Informationsweitergabe für Menschen, die jahrelang in Deutschland ihre Muttersprache nicht sprechen durften und von Nachrichten aus ihrer Heimat abgeschnitten waren. In der Ausstellung wird ein Rundschreiben des Bundes der Polen vom 7. Juni 1945 präsentiert, das in den polnischen DP-Lagern in Lübeck und Umgebung verteilt wurde. Darin geht es darum, ob polnische DPs in Deutschland arbeiten und so zum Wiederaufbau des Landes ihrer ehemaligen Peiniger beitragen sollen. Dazu sind viele Polen kurz nach dem Krieg nicht bereit. In dem Schreiben wird darauf hingewiesen, dass mit dieser Haltung ein negatives Bild vom vermeintlich arbeitsscheuen Polen vermittelt werde. Die Autoren schlagen vor, dass man sich um Tätigkeiten für die britische Militärbehörde bemühen solle, dem „einzigen Fürsprecher polnischer Interessen“. Die Lagerzeitungen berichteten auch über die Lage in Polen, das unter sowjetischer Vorherrschaft stand. Deswegen gab es häufig den Rat an die meist antikommunistisch eingestellten Polen, nicht in die Heimat zurückzukehren. Dies führte zu Konflikten mit den Alliierten, die an einer raschen Rückführung der DPs interessiert waren. Schnell wurden auch Schulen für mehr als 100  000 polnische Kinder gebaut, die ihnen die Rückkehr in ein normales Leben erleichtern sollten.

Die in Polen weit verbreiteten Pfadfinder organisierten für Kinder und Jugendliche in den DP-Camps Wanderungen und Zeltlager. Polnische Gruppen des Christlichen Vereins Junger Männer veranstalteten Puppentheateraufführungen. In der Ausstellung wird ein YMCA-Plakat gezeigt, das im Oktober 1945 Kinder ins polnische Kino in Lübeck zur Aufführung von „Mutter ist mit Vater gefahren“ einlädt – wegen des großen Andrangs wurde das Stück sechsmal wiederholt. Bei den Aktivitäten ging es vor allem darum, sich der lange bedrohten nationalen Identität zu versichern und die eigene Sprache und Kultur zu verbreiten. Polnische Klassiker wurden auf die Bühne gebracht, traditionelle Handwerkskunst gepflegt, Trachten hergestellt. Neben Beispielen solcher Volkskunst werden in der Schau Werke von Künstlern vorgestellt, die die Kriegszeit gezwungenermaßen in Deutschland verbrachten.

Eine dreisprachige Ankündigung für ein polnisches Theaterstück.
Eine dreisprachige Ankündigung für ein polnisches Theaterstück. Foto: görres
 

Dazu zählt das Manuskript „Polonaise Allerheiligen“ des Schriftstellers Tadeusz Nowakowski, der nach seiner Befreiung aus dem KZ im DP-Camp Haren im Emsland als Lehrer arbeitete. Das 1957 erschienene Buch, dessen erste Skizzen 1946 in Haren entstanden, gehört zu den wenigen Romanen jener Zeit, die sowohl die NS-Verbrechen als auch die Rache der Befreiten an den Bewohnern des Emslandes thematisieren. Die hatten 1946 Haren räumen müssen, das von den dort einziehenden rund 4000 Polen in Maczków umgetauft wurde. Bis 1948 existierte hier eine selbstverwaltete Stadt mit polnischen Kindergärten, Schulen, Bibliotheken, Theatern und Zeitungen.

Im Mai 1946 fand in der Stadthalle Hannover eine Ausstellung mit Zeichnungen und Gemälden statt, die polnische Künstler zwischen 1940 und 1946 in Deutschland schufen.

Die Absicht, mit solchen Aktivitäten die polnische Kultur einem größeren Publikum zugänglich zu machen und so zum besseren Verständnis zwischen Polen und Deutschen beizutragen, dürfte sich kaum erfüllt haben. „In der deutschen Bevölkerung herrschte nach Kriegsende immer noch Hass gegenüber den Polen. Die Einheimischen sahen sich als Opfer marodierender polnischer Horden, obwohl die Kriminalität bei den Polen nicht höher war als bei den Deutschen. Die NS-Propaganda wirkte weiter“, sagt Ausstellungskurator Dietmar Osses. Eine schwere Bürde für die rund 100  000 Polen, die als „heimatlose Ausländer“ dauerhaft in Deutschland blieben und in neuen Siedlungen unterkamen. Solche Konflikte werden in der Ausstellung häufig nur angedeutet. Das trifft auch auf die Spannungen zwischen den jüdischen und den übrigen DPs aus Polen zu, über die man im Ausstellungsbegleitband mehr erfährt. Nach Klagen über gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen beiden Gruppen wurden im Herbst 1945 im polnischen DP-Camp Bergen-Belsen die 9000 jüdischen von den 10 000 nicht-jüdischen DPs getrennt.

Auch anderenorts gab es fortan keine gemeinsamen polnischen DP-Lager mehr – Juden wollten mit antisemitischen Polen nichts mehr zu tun haben, nicht-jüdische Polen sahen sich dagegen ungerecht behandelt, weil sie es schwerer als Juden hätten, nach Übersee zu emigrieren. Das Fazit des Soziologen Jacek Barski im Begleitbuch: Die Kultur in den DP-Camps hat vielen traumatisierten Menschen buchstäblich das Leben gerettet. Tadeusz Borowski konnte dagegen seine KZ-Erlebnisse nicht überwinden – er nahm sich 1951 im Alter von 29 Jahren das Leben.

Ausstellung und Begleitband: Die Ausstellung „Zwischen Ungewissheit und Zuversicht. Kunst, Kultur und Alltag polnischer Displaced Persons in Deutschland 1945-1955“ in der Gedenkstätte Bergen-Belsen  läuft noch bis zum 19. November. Termine zu Begleitveranstaltungen finden sich unter www.bergen-belsen.de. Der 222 Seiten umfassende Begleitband ist unter dem Ausstellungstitel (ISBN 978-3-8375-1686-9) erschienen und kostet 19,95 Euro. Weitere Infos unter www.porta-polonica.de.

 

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