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Wartezeiten auf Termine sind in erster Linie der Bürokratie geschuldet : Ärzte arbeiten 55 Wochenstunden

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Permanente Anschuldigungen durch gesetzliche Krankenkassen, dass sie Patienten zu lange auf Termine warten lassen würden, bringen die Ärzte im Land auf die Palme.

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erstellt am 22.Jul.2011 | 08:55 Uhr

Schwerin | Permanente Anschuldigungen durch gesetzliche Krankenkassen, dass sie Patienten zu lange auf Termine warten lassen würden, bringen die Ärzte im Land auf die Palme: "Die Gebührenordnung für Ärzte stellt auf eine Wochenarbeitszeit von 55 Stunden ab - ohne Bereitschaftsdienste", so der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern (KVMV), Dr. Wolfgang Eckert. "Das ist viel mehr als in anderen Branchen. Und es reicht bei vielen Ärzten noch nicht aus: Hunderte Kollegen müssen in die Plausibilitätsprüfung, weil sie diese Arbeitszeit weit überschreiten." Auch in puncto Urlaub müssten Praxisinhaber sich nichts vorwerfen lassen: "Erhebungen haben ergeben, dass sie im Durchschnitt im Jahr nur 20 Tage zumachen."

Den Vorwurf, Ärzte würden Privatpatienten bei der Terminvergabe begünstigen, weist Eckert zurück: Der Anteil der Privatversicherten in MV betrage gerade einmal ein bis zwei Prozent. Zum anderen, so der KVMV-Chef, seien es gerade die gesetzlich Versicherten, die in den Praxen einen großen Arbeitsaufwand und damit lange Wartezeiten verursachten: "Ich weiß aus meiner eigenen Praxis, dass der bürokratische Aufwand für einen Privatpatienten nur ein Zehntel dessen ausmacht, was für einen Kassenpatienten aufgewendet werden muss." Denn während es für Privatpatienten für alle Verordnungen ein einziges Formular gäbe, seien es bei den gesetzlichen Krankenkassen 52 verschiedene. "Ein Privatpatient ist - bei gleicher Erkrankung - auch deshalb viel schneller wieder draußen, weil ich nicht in zig Katalogen nach Leistungsausschlüssen durch die jeweilige Kasse suchen muss", betont Eckert.

Schon seit langem fordern Kassenärzte deshalb, zur Ein-Formular-Praxis zurückzukehren, die es in den 90er-Jahren auch für Kassenpatienten gab. Und sie regen an zu überdenken, ob in Deutschland tatsächlich durchschnittlich 18 Arztkontakte pro Jahr nötig sind, während in vergleichbaren Ländern fünf bis sechs ausreichen. "Eine Steuerung wäre möglich, indem man die Patienten an den Kosten des Arztbesuches beteiligt. Das macht man auch in Schweden, Norwegen oder Finnland, also in anerkannten Sozialstaaten, so", schlägt Eckert vor. Um die Patienten nicht zusätzlich zu belasten, könnten die Beiträge zur Krankenversicherung grundsätzlich abgesenkt und zudem eine soziale Komponente eingeführt werden. Bei weniger Arztbesuchen würde sich das für die Kassen dennoch rechnen.

Die gegenwärtige Situation sei eine unselige, denn "immer wird auf den Ärzten herumgehackt". Dabei seien Mediziner in eigener Niederlassung Unternehmer, sie hätten also selbst ein Interesse daran, möglichst viele Patienten zu behandeln und sie nicht zu lange warten zu lassen. "Aber ein Arzt braucht nun mal eine gewisse Zeit für jeden Patienten", betont der KVMV-Chef. Angebote einer zunehmenden Zahl von Krankenkassen, innerhalb bestimmter Zeitkorridore für ihre Patienten Facharzttermine zu besorgen, seien nicht mehr als ein Herumdoktern an Symptomen. " Wenn zum Beispiel die Techniker Krankenkasse Geld für die schnelle Terminvergabe zahlt, dann wird schon der eine oder andere Kollege versuchen, noch einen Patienten dazwischenzuschieben." Doch letztlich würde darunter die Behandlungsqualität aller leiden.

Im Übrigen gelte unabhängig von den Arzttermin-Service-Angeboten der Kassen: "Es wird in Mecklenburg-Vorpommern kein Akutpatient abgewiesen", beteuert Eckert. Landesweit gelte, dass jeder noch am selben Tag beim Facharzt einen Termin bekäme, wenn der Hausarzt auf der Überweisung die besondere Dringlichkeit attestieren würde. Bei der Suche nach einem Hausarzt würde auch die Kassenärztliche Vereinigung helfen. "Das machen zwei Damen im Bereich Zulassung, die anhand der Behandlungszahlen - die uns, aber nicht den Kassen vorliegen - sehen können, welcher Kollege noch am ehesten Kapazität hat."

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