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Brandenburg

14. Dezember 2017 | 03:41 Uhr

Adebar im Überlebenskampf

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Im Weißstorchzentrum Vetschau wachsen die Sorgen um die Zukunft der beliebten Vögel in Brandenburg

svz.de von
erstellt am 19.Okt.2015 | 11:47 Uhr

Brandenburgs Naturschützer sorgen sich um die Störche. Die schlechten Jahre häufen sich. Auch 2015 gab es viel zu wenig Nachwuchs. Neben Wetterkapriolen machen die Experten vor allem die Landwirtschaft für die Einbußen verantwortlich.

Sie kamen pünktlich kurz vor Ostern, flogen zwei Wochen lang täglich das Nest an, entschlossen sich dann aber, nicht zu brüten und suchten wenig später jeder für sich das Weite. Das Storchenjahr im bekanntesten Horst Brandenburgs fing nicht gut an und ging dann schlecht weiter. Die Kamera übertrug schließlich Bilder vom leeren Nest in die Welt.

Der negative Befund ist nach Einschätzung des Leiters des Weißstorch-Zentrums in Vetschau (Oberspreewald-Lausitz) auf weite Teile Brandenburgs, ja, ganz Ostdeutschlands zu übertragen. So nach und nach sind die Daten aus den einzelnen Storchzentren komplett. Fazit: In Brandenburg zogen die Storchenpaare im Schnitt jeweils deutlich weniger als zwei Jungvögel auf – viel zu wenig, um den Bestand zu erhalten.

„Im Spreewald erschienen zehn Prozent der erwarteten Storchenpaare gar nicht erst, und von denen, die kamen, hat ein Viertel nicht gebrütet“, ärgert sich Bernd Elsner.

In Vetschau selbst wusste man sich zumindest zu helfen. Um das Millionenpublikum in der ganzen Welt nicht zu verlieren, montierte der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) die Internet-Kamera kurzerhand über einem Nest mit Nachwuchs im wenige Kilometer entfernten Raddusch. So konnten die Storchenfans das Heranwachsen von drei Jungvögeln verfolgen, bis einer von ihnen beim ersten Ausflug abstürzte und leicht verletzt in einer Aufzuchtstation aufgepäppelt werden musste, bevor Ende August auch er den Weg in den Süden antreten konnte.

Bernd Elsner, ein pensionierter Elektromeister, kann gemeinsam mit dem Tierarzt und Nabu-Experten Stefan Schön viele faszinierende Geschichten über das Wesen der Ciconia ciconia, also der Weißstörche, erzählen. Dass sie für die Brutzeit so etwas wie Kurzehen eingehen, um sich im Spätsommer wieder zu trennen und vielleicht im nächsten Frühjahr eine erneute Liaison miteinander beginnen. Dass sie bereitwillig den Menschen und ihrer Kulturlandschaft folgen, was wiederum dazu führt, dass Betreiber von Ferienwohnungen die attraktiven Schreitvögel anlocken, ihnen einen touristenfreundlichen Horst offerieren, was natürlich aus Sicht des Nabu überhaupt nicht geht. „Es sind Wildvögel, keine Zootiere“, wie Elsner betont.
Nicht die einzige Konfliktlinie. Elsner sieht sich umzingelt von Problemen, auch von Angreifern. Da sind zum Beispiel jene Tierfreunde, die das Leben der Störche via Internet verfolgen und den Nabu mit Hass-Mails und sogar Anzeigen überziehen, weil die Naturschützer nicht eingreifen, wenn ein Junges im Nest zu verhungern droht oder die Eltern es im Zuge der natürlichen Auslese einfach aus dem Horst werfen, weil sie merken, dass sie es nicht ernähren können.

„Würden wir eingreifen, würden die Tiere schnell ihre natürlichen Instinkte verlieren, vor allem ihren Zugtrieb“, erklärt Bernd Elsner. Das Resultat solchen Verhaltens seien dann sogenannte Winter-störche, die ganzjährig in Deutschland bleiben, weil sie zu viel Hilfe von den Menschen erhalten haben. In Brandenburg noch die Ausnahme, sind Störche ohne Zugtrieb in Bayern und Baden-Württemberg längst ein Massenphänomen. Sehr zum Leidwesen von Naturschützern, die den Tieren zwar Unterstützung bieten, aber möglichst wenig Eingriffe in die natürlichen Kreisläufe wünschen.

Der andere große Streit, den Bernd Elsner und Stefan Schön zum Wohl der Störche führen, ist der um den Lebensraum der Tiere. Wetterkapriolen machen ihnen ohnehin zu schaffen. Das Frühjahr 2015 war viel zu trocken. Bernd Elsner ist überzeugt: „Jenes Paar, das Ostern um den Vetschauer Horst kreiste, hat gespürt, dass es zu wenig Nahrung geben wird und sich deshalb gegen das Brüten entschieden.“

Aber zu diesen unvermeidlichen Kalamitäten kommt die Verknappung des Lebensraums für die Tiere. Elsner sagt es so: „Die Menschen räumen die Natur aus. Das rächt sich alles.“ Er meint damit Bauern, die Mäuse und andere Kleintiere mit Bioziden von den Feldern vertreiben, um bessere Erträge zu erzielen, und so den Störchen ihre Nahrungsgrundlage entziehen. Hinzu komme der „Mais-Wahnsinn“, wie sich Elsner ausdrückt. „Diese Monokulturen und diese immer größeren Felder schaden den Störchen extrem“, stöhnt auch Tierarzt Stefan Schön.

Wenn sie das öffentlich sagen, bekommen sie sogleich Post vom Landesamt für Landwirtschaft, erzählen die Nabu-Experten. Nirgendwo in Brandenburg gebe es Felder mit wirklichen Monokulturen, heiße es dann. Schön winkt ab: „Der Storch kümmert sich nicht um die richtige Definition von Monokultur. Er bleibt einfach weg.“

Oder er stirbt bei einem Verkehrsunfall. Bundesweit ein neuer, unheilvoller Trend, den die Nabu-Leute ebenfalls auf die Veränderungen in der Landwirtschaft zurückführen. Genaue Statistiken gibt es nicht, aber die Nachrichten im Polizeibericht häufen sich.

Elsner und Schön gehen wie auch andere Experten davon aus, dass die Tiere verstärkt am Straßenrand auf Futtersuche sind, weil sie woanders nichts mehr finden. „Es sind die riesigen Mais-Felder. Sie treiben viele Störche an den Straßenrand, wo es im Gras noch Frösche, Würmer und Insekten und andere Tiere gibt“, sagt Elsner. In die hoch und dicht bewachsenen Felder hingegen findet der Storch nicht, und Nahrung würde er dort auch nicht finden, „weil alles tot ist“, wie Stefan Schön verbittert feststellt. Deshalb der Anflug auf die schmalen Feldränder an den Straßen.

Elsner hat zwei Wünsche für die kommenden Jahre: Warnschilder vor tieffliegenden Störchen an besonders betroffenen Straßen, vor allem aber fordert er mehr Schutz für die Lebensräume der Störche. „Wo kein Frosch und kein Feldhamster mehr ist, gibt es auch bald keinen Storch mehr.“

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