Landesschülerrat Brandenburg : Abi nach zwölf Jahren nicht richtig

Ist gegen späteren Schulbeginn am Morgen: Johannes Hänig, Sprecher des Landesschülerrates.
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Ist gegen späteren Schulbeginn am Morgen: Johannes Hänig, Sprecher des Landesschülerrates.

Johannes Hänig, Sprecher des Landesschülerrats, über Schulstress, Rahmenlehrplan und Zensuren für Sport

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06. März 2016, 20:24 Uhr

Brandenburgs Gymnasiasten haben mehr Schulstress als zum Beispiel ihre Kollegen in Berlin. Das kritisiert der 16-jährige Johannes Hänig, Sprecher des Landesschülerrats und Schüler des Friedrich-Engels-Gymnasiums in Senftenberg, im Gespräch mit Mathias Hausding. Korrekturen fordert er auch bei der Art der Benotung in einigen Fächern.
 

Herr Hänig, Sie machen sich für veränderte Bewertungskriterien in Sport, Musik und Kunst stark. Warum?

Johannes Hänig: Schätzungsweise 70 bis 80 Prozent der Sportlehrer berücksichtigen die Vorgaben für die Benotung nur unzureichend. Vorgeschrieben ist, dass der individuelle Entwicklungsstand eines Schülers einfließt. Tatsächlich orientieren sich viele Sportlehrer aber nur an Tabellen mit Leistungswerten. Wir fordern das Bildungsministerium auf, den Pädagogen die entsprechende Verwaltungsvorschrift in Erinnerung zu rufen.Das Problem, dass Leistungen von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich bewertet werden, besteht in jedem Fach. Aber in Sport, Musik und Kunst ist es extrem. Hier geht es darum, dass sich jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten anstrengt. Wenn ein kleinerer Schüler seine 1,50 Meter im Hochsprung schafft, muss das honoriert werden. Auch fehlende Begabung beim Malen und Singen muss bei der Benotung berücksichtigt werden.

Was ist mit Mathe? Für das Fach könnten Schüler genauso eine Minderbegabung geltend machen.

Ja, stimmt. Aber in Mathe wird die Grundlage für eine gute Leistung zu 100 Prozent im Unterricht gelegt. Es wird alles erklärt und vorgerechnet. In Sport, Kunst und Musik kommt es aber viel mehr darauf an, was Schüler von Natur aus oder über ihre Freizeitaktivitäten mitbringen.
Wäre eine Rückstufung des Sportunterrichts nicht das falsche Signal gerade in einer Zeit, in der Kinder immer dicker werden?
Es ist demotivierend, wenn man sich zum Beispiel von null auf zehn Liegestütze steigert und trotzdem eine 5 bekommt. Von einer Rückstufung des Sportunterrichts kann keine Rede sein. Drei Stunden pro Woche sind vorgesehen, damit steht er auf einem Level mit Englisch.
 

Finden Sie Gehör für Ihre Initiative?

Vom Landesschulbeirat, einem Gremium aus Lehrern, Eltern, Schülern und Verbänden, gab es kritische Nachfragen, aber am Ende breite Unterstützung. Ich bin also sehr zuversichtlich. Am 17. März gibt es noch einmal ein Treffen dazu im Bildungsministerium. Da sind dann auch Sportlehrer dabei, mit denen wir über die praktische Umsetzung reden wollen.

Themenwechsel: Abitur nach zwölf oder 13 Jahren – diese Frage wird bundesweit diskutiert. Wie sieht das der Landesschülerrat?

Das wird ein ganz wichtiges Thema auf unserer Landesdelegiertenkonferenz am kommenden Wochenende sein. Mein persönlicher Eindruck ist, dass das Erlangen des Abiturs in zwei Jahren zu einer Überlastung vieler Schüler führt. Das liegt auch daran, dass wir in Brandenburg fünf Leistungskurse haben.

Worin besteht das Problem?

Denken Sie an das schriftliche Abitur. Wir haben zwei Jahre und vier Wochenstunden pro Leistungskurs. Und wir müssen Mathe, Deutsch und Englisch als Leistungskurse belegen. In Berlin zum Beispiel haben die Schüler zwei Leistungskurse à fünf Stunden. Und Mathe Leistung machen dort auch nur die, die es wollen und können. Obwohl wir also keine Wahl haben und auch noch weniger Stunden, schreiben wir das gleiche Mathe-Abitur wie die Berliner. Das finden wir nicht richtig.

Also zu viel Stress. Was kann man dagegen tun?

Änderungen müssen wohlüberlegt sein, sonst ist es am Ende wieder falsch. Das System muss auch mal zur Ruhe kommen. Wir sind froh, dass das Ministerium etwas Stress herausgenommen hat, in dem es bislang verpflichtende zusätzliche Leistungsnachweise in Form einer wissenschaftlichen Arbeit abgeschafft hat.

Eine weitere Großbaustelle ist der neue Rahmenlehrplan für Berlin-Brandenburg. Wo sehen Sie das Für und Wider?

Anders als der Landeselternrat haben wir uns eindeutig dafür ausgesprochen. Besonders die Umstellung auf eine stärkere Orientierung an Kompetenzen finden wir gut; ebenso dass Geschichte, Politische Bildung und Geographie parallel laufen, zur gleichen Zeit gleiche Themen behandelt werden. Die Fächer sind aufeinander abgestimmt. Außerdem begrüßen wir die Einführung der Fächer Gesellschaftswissenschaften und Naturwissenschaften in der Grundschule. Einziger Kritikpunkt ist, dass der Landesschülerrat als Mitwirkungsgremium nicht genannt wird.
 

Mit welchen Sorgen wenden sich Schüler an Sie?

Auf jeden Fall mit Fragen, die die Landesebene betreffen. Einige monieren, dass die Prüfung in der 10. Klasse mit 40 Prozent in die Note eingeht. Auch über die Ferientermine gibt es Beschwerden. Noch ein heißes Eisen: Meist startet der Unterricht 7.30 Uhr, obwohl Studien nahelegen, dass das zu früh ist und es sich ab 9 Uhr besser lernt. Auch darüber wird es auf der Landesdelegiertenkonferenz heftige Diskussionen geben. Meine persönliche Meinung: Wenn wir erst um 9 Uhr mit der Schule anfangen, sind wir auch erst um 17 Uhr fertig, und damit eindeutig zu spät. Außerdem soll die Schule auf das Leben vorbereiten. Und die Arbeit fängt für viele Menschen bereits um 6.30 Uhr an.

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