Brandenburg : Ab ins Körbchen

Urlaub am Meer lockt immer mehr Urlauber in den Norden.
Urlaub am Meer lockt immer mehr Urlauber in den Norden.

Manche finden ihn spießig, bei vielen weckt allerdings schon sein Anblick die Sehnsucht nach Sommer, Sonne und Meeresluft.

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02. August 2019, 05:00 Uhr

Der Sandstrand, die schier unendliche Weite des offenen Wassers, am Horizont treffen sich Himmel und Meer. Glücklich, wer hier verweilt: sich zurücklehnt, der Sonne beim Untergehen zusieht und über das gleichmäßige Plätschern der Wellen einschlummert. Seit ein paar Jahren ist dieses Gefühl nicht mehr allein wohlhabenden Strandhaus-Inhabern vorbehalten. An mehreren deutschen Küstenorten stehen Schlafstrandkörbe, in denen zwei Erwachsene Platz finden. Ein komplett verschließbares Verdeck bietet Schutz vor Schauern – und ein um so behaglicheres Stranderlebnis.

Allzu langes Sitzen gilt als wenig gesundheitsförderlich. Der Beliebtheit des Strandkorbs tut dies keinen Abbruch. Zu gut passt er ins Zeitalter der „Hygge“, jenem Gegentrend zu allgemeiner Hektik und Betriebsamkeit. Längst hat sich der Korb über den Strand hinaus verbreitet. Gestresste Städter besorgen sich ein Modell für den Garten oder den Balkon, mancher Gastronom in den Bergen setzt auf den Überraschungseffekt, den das Möbelstück in dieser Umgebung bietet. Auch spezielle Hundestrandkörbe sind bereits auf dem Markt.

Die Küste ist für viele Menschen ein Ort von Entspannung und Ruhe, auch ein Ziel der Sehnsucht, wenn der Urlaub vorbei ist. Dem Strandkorb – diesem „eigentümlich bergenden Sitzgehäuse“, wie Thomas Mann schrieb – kommt dabei eine besondere Rolle zu. Dass er den Blick seitlich begrenzt, gebe dem Strand ein Format, einer bewegten Szenerie einen Rahmen, erklärte einmal die Filmemacherin Maximiliane Feldmann.

Dies mögen die wenigen Strandkorb-Gegner als einschränkendes Manko empfinden; ebenso den Umstand, dass er Geborgenheit bietet an einem Ort, wo sich doch die Urgewalt der Natur erahnen lässt wie sonst kaum irgendwo. Auch bezeichnen manche das Möbelstück als spießig, als Strand-Pendant zum Schrebergarten, als „typisch deutsch“.

Die Wurzeln des Strandkorbs liegen allerdings in den Niederlanden. Sein Siegeszug habe im niederländischen Barock begonnen, schreibt der Kulturjournalist Moritz Holfelder in seinem „Buch vom Strandkorb“.

Über Norderney, das erste deutsche Nordseebad, habe sich der Freizeittrend ab dem frühen 19. Jahrhundert nach und nach ausgebreitet.

Vielfach wird Wilhelm Bartelmann aus Rostock als Erfinder des Strandkorbs genannt. Er eröffnete im Oktober 1870 als erster Korbmacher seinen Betrieb, wenig später wurde ihm der Titel „Hof-Korbmachermeister“ verliehen. Auf der Firmenhomepage findet sich die Geschichte der Elfriede von Maltzahn: Sie bat Bartelmann 1882 um die Anfertigung einer „Sitzgelegenheit für den Strand als Schutz vor allzu viel Sonne und Wind“, weil sie als Rheumapatientin nicht auf frische Seeluft verzichten wollte.

Bartelmann, so heißt es weiter, „überlegte nicht lange und fertigte den ersten Strandkorb an der Ostsee aus Weiden und Rohr“. Der Einsitzer sei bisweilen auch spöttisch-liebevoll als „aufrecht stehender Wäschekorb“ bezeichnet worden.

Noch heute lassen sich die unterschiedlichen Formen geografisch zuordnen. Ein Strandkorb in Ostseeform hat abgerundete, geschwungene Seitenteile und eine gebogene Haube; die Nordseeform zeichnet sich durch gerade Seiten und ein eher kantiges Oberteil aus. Erfolg wurde beiden Modellen zuteil, und das in rasanter Weise. Ein Jahr nach dem Prototyp startete Bartelmann die weltweit erste Strandkorbvermietung. Um 1900 waren die Sitzmöbel in fast allen deutschen Seebädern zu sehen.

Heute ist der Strandkorb weiterhin ein Wirtschaftsfaktor, insbesondere durch die Vermietung an Küstenorten. Seine Anzahl an deutschen Stränden wird auf 100 000 bis 130 000 geschätzt.

In der Kunst spielt der Strandkorb nur gelegentlich eine Rolle: „Es fehlt einfach noch der bahnbrechende, der grundsätzliche Strandkorb-Roman“, erklärt Strandkorb-Experte Holfelder. Der erste bekannte Autor, der das Möbelstück würdigend erwähnt, war demnach Theodor Fontane. Der in Lübeck geborene Thomas Mann habe, so Holfelder, am liebsten so gearbeitet: „im Strandkorb sitzend oder an den Strandkorb gelehnt, dabei zwischendurch immer wieder das faszinierende Meer betrachtend“.

Auf Gemälden und im Film taucht das Möbelstück meist eher als Requisite auf. Eine tragende Rolle spielt es im Stummfilm „Wie sich das Kino rächt“ von 1912. Das Werk gilt als einziges der Filmgeschichte, das einen Strandkorb als Drehort hatte.

Dabei kann „der Deutschen liebstes Urlaubsziel“ eine besondere Funktion erfüllen, etwa einen Raum für ein vertrautes Gespräch bieten.

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