Brandenburger Geschichte : Schlacht um Seelower Höhen prägt das Oderbruch bis heute

Ein Gedenkstein mit der Inschrift „Deutsche Gefallene 1945“ auf dem städtischen Friedhof. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges starben bei der Schlacht um die Seelower Höhen Zehntausende Soldaten und Zivilisten in der größten Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden.

Ein Gedenkstein mit der Inschrift „Deutsche Gefallene 1945“ auf dem städtischen Friedhof. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges starben bei der Schlacht um die Seelower Höhen Zehntausende Soldaten und Zivilisten in der größten Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden.

Das Oderbruch wurde vor 75 Jahren zu einem stark verwüsteten Landstrich. Vier Tage lang tobte dort die blutige Schlacht um die Seelower Höhen: Die Rote Armee stieß auf ihrem Vormarsch nach Berlin auf erbitterten Widerstand.

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16. April 2020, 05:00 Uhr

Joachim Kozlowski schiebt ein seltsam anmutendes Gerät auf vier Rädern langsam über eine Wiese am Rande von Kunersdorf im Oderbruch (Märkisch-Oderland). Auf dem Display seines Bodenradars sind zunächst nur regelmäßig wirkende, gerade Linien zu erkennen - Schallwellen des Gerätes messen die Festigkeit des Bodens. Dann geraten die geraden Linien plötzlich ziemlich durcheinander. „In etwa zwei Metern Tiefe ist die natürlich gewachsene Erde aufgebrochen worden“, erklärt Kozlowski, der einen aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Bomben- oder Granattrichter vermutet. „Auffällige helle Flecken zeigen mir zudem Metall im Boden.“

Joachim Kozlowski, Umbetter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, mit einem Bodenradar
Patrick Pleul/dpa

Joachim Kozlowski, Umbetter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, mit einem Bodenradar

 

Der 48-Jährige gräbt beruflich in der Vergangenheit, er ist seit zehn Jahren der einzige Umbetter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf dem Territorium Deutschlands. Auf die Wiese bei Kunersdorf haben ihn Marianne und Martin Rudolf gerufen. Die beiden wohnen seit Jahrzehnten in einem ehemaligen, mehr als 350 Jahre alten Gasthof, der vor 75 Jahren stark umkämpft gewesen sein soll.

Graben in der Kriegsvergangenheit

„Hier befand sich ein Kommandostützpunkt der deutschen Wehrmacht“, sagt Marianne Rudolf. Davon hätten ihr vor Jahren Zeitzeugen erzählt, ehemalige Wehrmachtsoldaten, die im Frühjahr 1945 gegen die von der Oder heranrückende Rote Armee gekämpft hatten. Einen gefallenen Rotarmisten hatte Kozlowski im vergangenen Frühjahr bereits auf dem Hof der Rudolfs geborgen. Die Gebeine waren beim Verlegen einer Leitung ans Tageslicht gekommen. Kürzlich fand Martin Rudolf beim Zaunsetzen auf der Wiese ein menschliches Schienbein und informierte den Umbetter erneut.

Wer auch immer hier vor 75 Jahren gestorben ist, er sollte ein ordentliches Grab erhalten. Martin Rudolf
 

Doch die genaue Suche muss warten. „Sollte meine Vermutung auf Grundlage des Bodenradars richtig sein, brauchen wir dafür einen Bagger und auch ausgebildete Munitionsberger“, erklärt Kozlowski. Denn wo Tote aus dem Zweiten Weltkrieg liegen, findet sich meist auch Explosives. Die Gefallenen und herumliegende Munition seien nach dem Ende des Krieges in Bombentrichtern oder Schützengräben verscharrt worden. Deshalb darf im Oderbruch nichts gebaut werden, ohne dass der Boden zunächst von Kampfmittelberäumern abgesucht wird.

Angriff auf die Seelower Höhen vor 75 Jahren

Die Rote Armee war Ende Januar 1945 über die Oder gekommen und auf die erbitterte Verteidigung der deutschen Wehrmacht getroffen. Am 16. April hatte die 1. Weißrussische Front unter Marschall Georgi Shukow von den Brückenköpfen an der Oder aus den Angriff auf die Seelower Höhen gestartet.

„Bei der gleichnamigen Schlacht ging es nie um die Seelower Höhen an sich, sondern um den entscheidenden Vormarsch nach Berlin, um Nazideutschland endgültig zu besiegen“, macht Militärhistoriker Gerd-Ulrich Herrmann aus Strausberg (Märkisch-Oderland) deutlich. Die erbitterten Kämpfe im Oderbruch seien von Sowjetchef Josef Stalin, Oberbefehlshaber der Roten Armee, auch „Berliner Operation“ genannt worden. „Der Sowjetunion war klar: Der Feind ergibt sich erst, wenn die Reichshauptstadt eingenommen ist. Und: Wer Berlin erobert, geht in die Geschichte ein“, sagt der Militärhistoriker.

Vier Tage lang erbitterte Kämpfe

Etwa 90 000 Wehrmachtsoldaten hätten am 16. April 1945 über 600 000 Rotarmisten gegenüber gestanden, hat er recherchiert. „Die Angreifer waren zwar zahlenmäßig überlegen, machten aber mehr Verluste als die Verteidiger. Denn sie hatten nicht mit so hartem Widerstand gerechnet“, sagt Herrmann. Bis zum 19. April 1945 dauerten die erbitterten Kämpfe, bis die Rote Armee die Seelower Hügelkette einnehmen konnte.

Verlässliche Zahlen zu den Opfern gibt es laut Herrmann nicht, der dies auch in seinem 2010 erschienenen Buch „Der Schlüssel für Berlin“ beschreibt. Offizielle Angaben sprechen von mehr als 30 000 gefallenen Rotarmisten sowie 12 000 getöteten Wehrmachtsangehörigen und Volkssturmleuten. Ungezählt sind die Opfer in der Zivilbevölkerung. Die war laut Herrmann zwar zuvor zwangsweise aus dem Kampfgebiet gebracht worden. Viele, die zurückkehrten, starben noch an den Hinterlassenschaften - auf verminten Feldern, durch Seuchen und Hunger.

Das Oderbruch ist ein einziges riesiges Grab. Wir werden wohl nie all die Toten bergen können, die hier noch liegen. Oliver Breithaupt, Geschäftsführer des Brandenburger Landesverbandes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge
 

Seine Organisation habe seit 1990 rund 6000 deutsche Gefallenen und rund 1300 tote Rotarmisten der Schlacht um die Seelower Höhen gefunden und auf einer der zahlreichen Kriegsgräberstätten im Oderbruch beerdigt. Der zahlenmäßige Unterschied sei damit zu erklären, dass es zu DDR-Zeiten keine geregelte Kriegsgräberfürsorge gegeben habe und der Volksbund erst 1990 beginnen konnte, die Toten zu bergen.

Kozlowski begutachtet in einer Trauerhalle auf dem Gelände einer Deutschen Kriegsgräberstätte Knochen von im Zweiten Weltkrieg getöteten Soldaten.
Patrick Pleul/dpa

Kozlowski begutachtet in einer Trauerhalle auf dem Gelände einer Deutschen Kriegsgräberstätte Knochen von im Zweiten Weltkrieg getöteten Soldaten.

 

„Sowjetische Gefallene waren hingegen noch 1945 teilweise von den eigenen Kameraden eingesammelt und in Massengräbern im Oderbruch bestattet worden“, sagt Breithaupt. Aufgrund der engen Kooperation mit der russischen Botschaft habe der Volksbund zahlreiche Hinweise zu diesen historischen Gräberfeldern, die noch nicht abgesucht worden seien.

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