Lückenschluss : Letzte Klage abgewendet: Jahrhundertprojekt Autobahn 14 wird vollendet

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Der Traum von einer Autobahn, die Mitteldeutschland mit der Ostsee verbindet, ist schon viel Jahrzehnte alt. Inzwischen laufen die Arbeiten für das Milliarden-Projekt auf Hochtouren. Immer wieder gab es Verzögerungen.

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09. September 2019, 12:00 Uhr

Eine breite Schneise durchzieht den einst dichten Wald zwischen Colbitz und Dolle nördlich von Magdeburg. Wie ein Lindwurm quält sich die Fahrzeugkolonne auf der vielbefahrenen Bundesstraße 189 an der Baustelle für die Nordverlängerung der Autobahn 14 vorbei. Eine riesige Maschine zieht derzeit dort das Betonband für die künftige Fahrbahn. Ende 2020 werden auf dem acht Kilometer langen Abschnitt bis zur Anschlussstelle Tangerhütte die Fahrzeuge rollen. Das 16 Kilometer lange Folgestück bis Lüderitz soll im Jahr darauf fertig sein.

Damit geht es endlich voran in Sachsen-Anhalt. Die A14-Nordverlängerung, genauer gesagt der Lückenschluss zwischen den bestehenden Anschlussstellen Dahlenwarsleben nahe Magdeburg und Schwerin, umfasst insgesamt 155 Kilometer. Baustart war 2011. Während die 26 Kilometer in Mecklenburg-Vorpommern und ein Großteil der 32 Kilometer im Land Brandenburg bereits fertig sind, rollt in Sachsen-Anhalt seit 2014 bisher nur auf fünf von insgesamt 97 Kilometern der Verkehr.

Mitteldeutschland mit Häfen an der Küste verbinden

Mit der A14-Nordverlängerung vollendet sich ein Jahrhundertprojekt.

Schon Ende der 1920er keimte die Idee, den wirtschaftsstarken mitteldeutschen Raum durch eine Autobahn mit den Häfen an der Küste zu verbinden. Sie sollte von Dresden über Halle und Magdeburg nach Hamburg führen. Der Abschnitt von Peißen bis Leipzig-Ost wurde mit dem Autobahnkreuz bei Schkeuditz in den 1930er Jahren fertig. Viele Jahre blieb die A 14 unvollendet, obwohl die Weiterführung über Magdeburg und Lüneburg nach Hamburg bereits projektiert und erste Bauten errichtet waren. Der Krieg unterbrach die Arbeiten.

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Die Bummel-Position von Sachsen-Anhalt hat vor allem einen Grund, der noch immer nicht komplett vom Tisch geräumt ist: Bisher galt mit jedem Planfeststellungsbeschluss eine Klage des BUND als sicher wie das Amen in der Kirche. Die Umweltschutzorganisation stemmte sich lange gegen die Autobahn, die ökologisch sensible Bereiche wie die Colbitz-Letzlinger Heide oder die Aland-Elbe-Niederung durchschneidet. Immer neue gesetzliche Vorgaben verzögerten die Planungen zusätzlich. Auch Anliegergemeinden klagten, hauptsächlich für besseren Lärmschutz.

BUND verzichtet auf weitere juristische Schritte

Letztlich setzten sich Planer und Gegner an einen Tisch und verkündeten nun einen Kompromiss. Auch die Hansestadt Seehausen (Sachsen-Anhalt) hat ihre Klage gegen die A14-Nordverlängerung zurückgezogen.

Der Stadtrat hatte am Dienstagabend einer Vereinbarung zwischen Stadt und dem Land Sachsen-Anhalt zugestimmt, sagte Bürgermeister Detlef Neumann am Mittwoch. Die Hansestadt Seehausen habe ihre Forderung nach mehr Lärmschutz durchgesetzt und Verbesserungen im ländlichen Wegebau erreicht. Es werde neue Wege für die Landwirte und ihre Maschinen geben, bisherige würden besser ausgebaut. Damit ist die letzte aktuell anhängige Klage gegen den Bau der A14 gen Norden auf dem Gebiet Sachsen-Anhalts abgewendet.

Im Gegenzug für zusätzliche Umwelt-, Natur- und Lärmschutzmaßnahmen verzichtet auch der BUND auf weitere juristische Schritte gegen die restlichen Abschnitte.

Mit jedem Jahr Verzögerung stiegen die Baukosten, laut Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Thomas Webel (CDU) um rund 15 Millionen Euro. Derzeit rechnet er mit einer Gesamtinvestitionssumme von 1,3 Milliarden Euro. Ursprünglich sollte die A14-Nordverlängerung 2018 fertig sein. Nun spricht der Minister von „Mitte der 2020er“.

Hoffnung auf Entwicklungsschub für strukturschwache Regionen

Die meisten Menschen in der Altmark ersehnen die Autobahn. Sie verbinden mit dem Anschluss an das überregionale Schnellstraßennetz die Hoffnung auf einen ökonomischen Entwicklungsschub für die strukturschwache Region. „Die A14 wird eine neue Hauptschlagader für unseren Landkreis und die gesamte Altmark“, sagt Stendals Landrat Carsten Wulfänger (CDU). „Damit gibt es bald endlich gleiche Wettbewerbsbedingungen für die Unternehmen und schnelle Verbindungen für die Bürger.“ Für die Verkehrsplaner hat das Projekt vor allem überregionale Bedeutung. Die A14-Nordverlängerung schließt die größte Lücke im deutschen Autobahnnetz. Sie soll nicht nur den mitteldeutschen Wirtschaftsraum mit den Küstenhäfen verbinden, sondern auch einen Bypass zu den chronisch überlasteten Autobahnen 2 und 7 (Magdeburg - Hannover - Hamburg) bilden.

Zu DDR-Zeiten wurde die Strecke von Leipzig (Ost) bis zum Dreieck Nossen (A 4) gebaut und 1970/71 übergeben. Die Verlängerung von Halle nach Magdeburg war vorgesehen. Nach der politischen Wende wurde die 80 Kilometer lange Strecke als Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr.14 gebaut und 2000 fertiggestellt.

Besonders hohe Umweltschutzstandards

Fast 20 Jahre sind seitdem vergangen, die A14-Nordverlängerung in Sachsen-Anhalt soll sich in den kommenden Jahren Stück für Stück vervollständigen. Während zwischen Stendal und Osterburg bereits Baurecht vorliegt, läuft für das Zwischenstück noch eine Klagefrist.

Wenn sich kein Kläger findet, könnten hier im kommenden Jahr die Bagger anrücken und 30 Kilometer am Stück gebaut werden.

Und Bauen heißt bei dieser Strecke gen Ostsee eben nicht nur Beton und Böschung. Wegen der besonders hohen Umweltschutzstandards spricht Landes-Verkehrsminister Webel gern von „der grünsten Autobahn Deutschlands“. Ein Viertel der Bausumme sind für ökologische Maßnahmen wie Krötentunnel, Wildbrücken oder die Schaffung neuer Ökosysteme vorgesehen. Im Wald bei Colbitz entstand zum Beispiel aus einem früheren Bunker der Sowjetarmee ein Fledermausdomizil.

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