Landkreis Oder-Spree : Wandergesellen helfen beim Umbau von Jüdischem Landgut

Lukas, frei reisender Bootsbauer und Annalena Schmidt, Azubi im Zimmererhandwerk, arbeiten auf einem Scheunendach des geschichtsträchtigen Landgutes Neuendorf im Sande.
Lukas, frei reisender Bootsbauer und Annalena Schmidt, Azubi im Zimmererhandwerk, arbeiten auf einem Scheunendach des geschichtsträchtigen Landgutes Neuendorf im Sande.

Junger Verein will das geschichtsträchtige Jüdische Landgut Neuendorf im Sande erhalten.

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23. Juli 2019, 05:00 Uhr

Auf einem alten Gutsgelände am Rande von Neuendorf im Sande im Landkreis Oder-Spree geht es an diesem Tag hoch her. Ein riesiges früheres Stallgebäude ist eingerüstet. Am Dachstuhl arbeiten junge Handwerker, die vor allem durch ihre Kluft auffallen: Breitkrempige dunkle Hüte, Halstücher, schwarze Cordhosen mit Schlag und schweres Schuhwerk. Es sind Gesellen auf Wanderschaft, die sich in diesem Jahr für eine besonders geschichtsträchtige Sommerbaustelle zusammen getan haben: Das alte Jüdische Landgut Neuendorf im Sande.

Unentgeltlich im Einsatz

Vier Wochen lang helfen sie unentgeltlich auf dem 36 Hektar großen Gutsgelände, um die zahlreichen, in die Jahre gekommenen Gebäude auf Vordermann zu bringen. „Wir haben uns für dieses Projekt entschieden, weil wir die Geschichte und deren Bewahrung so wichtig finden, gerade in der heutigen Zeit“, sagt die freireisende Tischlerin Sara aus der Schweiz. Nachnamen und Handy legen sie während dieser Zeit – Walz genannt – ab. „Du sollst mit dem Kopf da sein, wo deine Füße sind“, sagt Kollege Ben aus Luxemburg.

Das Landwerk Neuendorf war eine 1932 gegründete jüdische Arbeiterkolonie und Ausbildungsstätte. Im Rahmen der sogenannten Hachschara-Bewegung diente es zahlreichen jüdischen Jugendlichen, die im Laufe der Jahre systematisch vom deutschen Arbeitsmarkt verdrängt wurden, zur beruflichen und kulturellen Vorbereitung auf eine Auswanderung nach Palästina. Ab 1941 errichteten die Nazis auf dem Gutsgelände ein NS-Zwangslager. Nach dem Krieg wurde es volkseigenes Gut. Im vergangenen Jahr erwarb das Gelände dann eine Gruppe junger Familien aus Berlin, die für die Umgestaltung einen Verein gegründet haben.

„Gerade diese Historie, ihre wissenschaftliche und öffentliche Aufarbeitung war eine Auflage beim Erwerb des Geländes von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben“, sagt Vorstandsmitglied Lukas Pottiez. Als weitere Auflage soll der Verein die 35 alteingesessenen Bewohner des Ortsteils in das Projekt integrieren. Das funktioniere schon sehr gut, sagt Pottiez. Einige Neuendorfer seien bereits Mitglied.

An Geschichte anknüpfen

Anderthalb Jahre dauerte es, bis die Berliner, unterstützt von zwei Stiftungen, den Zuschlag für das Gelände erhielten. „Uns eint, dass wir gemeinschaftlich etwas aufbauen wollen“, sagt Pottiez. Der Verein wolle an die Geschichte des Ortes als Ausbildungsort anknüpfen: mit Bildungsangeboten und später Lehrstellen für Landwirte und Handwerker. „Wir wollen die Felder ökologisch bewirtschaften und das Gemüse direkt vermarkten.“

Um die teils unter Denkmalschutz stehenden Gebäude zu renovieren, hat sich der Verein bei der Sommerbaustelle der freireisenden Wandergesellen beworben. Seit fast 20 Jahren engagieren sich die jungen Handwerker dabei für soziale, gemeinnützige Projekte. Vier Wochen lang arbeiten sie an einem Projekt. „Wir bekommen auf unseren Reisen viel uneigennützige Unterstützung. Mit der Sommerbaustelle wollen wir der Gesellschaft dafür etwas zurückgeben“, sagt die 29-jährige Sara. Die Sommerbaustelle bereite zudem bestens auf die spätere Selbstständigkeit vor, sagt Uwe Hoppe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Frankfurt (Oder).

50 junge Handwerker helfen

In Neuendorf im Sande steht nun das denkmalgeschützte alte Stallgebäude des Gutes im Mittelpunkt. „Wir wollen daraus Ausstellungs- und Workshop-Räume, Ateliers und Werkstätten machen“, sagt Pottiez. Rund 50 junge Handwerker helfen bereits mit, haben ein Sägewerk und eine Schreinerei aufgebaut. In nächster Zeit werde sich ihre Zahl wohl verdoppeln, sagt der freireisende Zimmerer Ruben.

Ruben, frei reisender Zimmerer, steht vor Bauplänen.
Patrick Pleul
Ruben, frei reisender Zimmerer, steht vor Bauplänen.
 

„Unser Buschfunk funktioniert.“ Die Jahrhunderte alte Tradition der Wanderschaft der Gesellen – mindestens drei Jahre und einen Tag lang – liege zur Vervollkommnung der eigenen handwerklichen Fähigkeiten wieder im Trend, sagt Sara.

Ohne die Walz wäre die Schweizerin wohl niemals nach Brandenburg gekommen. Festgelegt sei eine Bannmeile. „Du darfst währenddessen deinem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen. Deswegen sind die meisten von uns nicht aus dieser Ecke“, sagt die Schweizerin schmunzelnd.

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