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200 Feldpostbriefe : Weltgeschichte ganz privat

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Seiner großen Jugendliebe hat der Unteroffizier Kuno Leysing beinahe täglich von den Fronten des Ersten Weltkrieges geschrieben. Knapp 200 Briefe an Elsbeth Dähn sind erhalten. Ihr Enkel Dietmar Ortel hütet die Zeitzeugnisse als private und geschichtliche Schätze.

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erstellt am 03.Jan.2015 | 07:47 Uhr

Für die Geschichte seiner Familie hat sich Dietmar Ortel schon als Jugendlicher interessiert. In seiner Geburtsstadt Halle an der Saale war er Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft für Ahnenforschung. Dem Optikermeister fällt es nicht schwer, die alte Schreibschrift Sütterlin zu entziffern. Und so war ihm bereits als etwa 14-Jährigem klar, dass er etwas ganz Besonderes in den Händen hielt, als er während eines Besuches bei seiner Oma in Stralsund in einem Schrank eine Kiste voller vergilbter Umschläge entdeckte. Inzwischen hat Dietmar Ortel die meisten Feldpostbriefe auf der Schreibmaschine abgetippt und damit zum Beispiel für seine Söhne Lukas und Simon lesbar gemacht. „Im Grunde könnte die Sammlung auch der Grundstock für eine kleine Ausstellung sein, die zeigt, wie stark die Weltpolitik persönliche Schicksale beeinflusst“, sagt er. Seiner Oma, geboren am 5. Januar 1890, die später mit ihrem Ehemann Emil-Karl Ortel glücklich wurde, waren die Erinnerungen an ihre Jugendliebe jedenfalls so wichtig, dass sie die Briefe bei jedem Umzug mitnahm. Sie hatte ihren ersten Verehrer daheim im westpreußischen Prechlau kennengelernt und war todtraurig, als sie irgendwann 1917 davon erfuhr, dass er im Kampf fürs Vaterland an der Front gefallen war.

Ihre Briefe an Kuno sind nicht erhalten. Seine zeichnen das Bild eines Mannes, der vor allem überleben wollte. Am 19. Januar 1915 schreibt der Unteroffizier aus Lowitsch bei Warschau: „Es sollen ja, wie es hier heißt, Friedensverhandlungen zwischen Deutschland und Rußland im Gange sein. Na hoffen wir`s. Du fragst mich, wann ich Geburtstag habe. Es ist nicht lange hin, dann bin ich hoffentlich schon zu Hause: am 5. August. Heute wird entsetzlich geschossen.“

Am 12. Februar 1915 ist Kuno immer noch in Lowitsch stationiert. „Heute haben wir alle Kriegsfreiwilligen zur Batterie abgegeben. Die Jungens gingen so vergnügt, was man kaum glauben sollte. Hier hatten sie es doch etwas besser. Wann wird endlich mal Schluss sein? Hört man bei Euch noch nichts?“

Am 18. Dezember klagt der junge Mann: „Für mich wird es wiederum ein Weihnachtsfest fern vom Elternhause. Und das bereits zum zweiten Mal, aber ich will Gott danken, daß es mir vergönnt ist, überhaupt das Fest zu feiern ... Eben klopft der Weihnachtsmann an die Tür und bringt mir Dein liebes Paketchen. Hab tausend Dank! Es ist zu lieb von Dir, immer so nett an mich zu denken. Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gut machen soll. Nochmals tausend Dank! Heute erhielt ich auch Deinen lieben Brief, hast Du meinen nicht erhalten? Daß Mutreich gefallen ist, ist zu traurig. War er in Frankreich? ... Wie geht es sonst in Prechlau? Jetzt wird wohl auch alles stiller, da doch immer mehr eingezogen werden. Hier ist alles beim Alten. Am 13. Dezember kamen hier 16 französische Flieger herüber. Sah ganz gefährlich aus.“

Die gelegentliche Lektüre der Feldpostbriefe lässt Dietmar Ortel nachdenklich werden. „Wer weiß, wie das Leben meiner Oma verlaufen wäre, hätte ihr Kuno nicht im Ersten Weltkrieg den Tod gefunden“, sagt er.

Elsbeth Ortel, geborene Dähn, starb am 3. November 1984 in Halle. Von den Gesprächen mit ihr zehrt ihr Enkel noch immer.

 

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