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Höhlenforscher : Tief in der Unterwelt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Entdeckerfreude treibt einen Hobby-Forscher immer wieder in entlegene Höhlen – kein ungefährliches Unternehmen.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Natürlich auch zu seiner Frau, mit der Torsten Kohn ein Café im Oderbruch betreibt. Der 51-Jährige hat sich jedoch bei einem Urlaub in der Fränkischen Alb erneut verliebt – in verwinkelte, düstere und kalte Hohlräume. „Höhlen haben mich damals gefesselt und nicht wieder losgelassen“, sagt er. „Es war wie die Ankunft auf einem anderen Planeten.“

Der in Letschin lebende Hobby-Forscher schwärmt noch heute von seinem ersten Besuch unterirdischer Gänge, von Gesteinsformationen, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen und in denen absolute Stille und Dunkelheit herrschen. Nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub knüpfte Kohn sogleich Kontakte zu Gleichgesinnten. Kohn erlernte die Ausrüstung, Klettertechnik und wissenschaftliche Grundlagen. Mit einem Dutzend anderer Enthusiasten aus der Region gründete er den Speläoclub Berlin.

Doch in seiner neuen Heimat – vor vier Jahren zog die Familie aus der Hauptstadt nach Ostbrandenburg – gibt es keine Berge. Also musste Kohn bislang unzählige Wochenenden nach Thüringen, in den Harz oder nach Bayern fahren. Allein in der Fränkischen Alb, wo er mit anderen Experten im Donaudurchbruch forscht, existieren mehr als 3600 offiziell registrierte Höhlen.

„Training ist wichtig. Die Handgriffe müssen da unten sitzen“, erklärt Kohn. Zur Ausrüstung zählen oft hunderte Meter Seil, Metallhaken, schwere Rucksäcke. Vor einer Exkursion planen die Forscher sämtliche Abläufe akribisch, studieren das Kartenmaterial und kalkulieren Wetterkapriolen mit ein. Die eiserne Regel lautet: Mindestens drei Teilnehmer sollten mitgehen. Belohnt werden Höhlenforscher immer wieder mit Entdeckungen neuer unterirdischer Räume, die bislang kein Mensch betreten hat. „Das ist extrem erhebend“, sagt Kohn. „Man muss sich vor Augen führen, dass diese Orte mehrere Tausend Jahre unberührt waren.“

Doch als Abenteurer sieht sich der gelernte Drucktechniker, der zwei Jahrzehnte ein eigenes Unternehmen in der Hauptstadt führte, sein Hobby nicht. Im Gegenteil: Als Forschungsgebiet würden Höhlen von Geologen, Geografen, Biologen, Archäologen und Paläontologen untersucht. „Allein für den Wasserschutz konnten schon wichtige Fakten erarbeitet werden“, sagt Friedhart Knolle vom Verband der Höhlen- und Karstforscher. Diese seien Grundlage staatlicher Planungen.

So ist es dem Franzosen Édouard Alfred Martel zu verdanken, dass Karstgebirge erstmals zu Schutzgebieten für Trinkwasser deklariert wurden. Der erste systematische Höhlenforscher hatte im 19. Jahrhundert die Wege von unterirdischen Bächen in den südfranzösischen Causses erkundet. Dem Paläoanthropologe Johann Carl Fuhlrott gelang in einer Höhle ein Sensationsfund: Im Neandertal entdeckte er im Jahr 1856 Überreste eines vorzeitlichen Menschen.


Riesige Spinnen und andere bizarre Kreaturen


Heute liefern Tropfsteine in Höhlen vor allem wichtige Daten für die Klimaforschung, in anderen Gesteinen lassen sich geologische Prozesse ablesen. Darüber hinaus werden immer wieder neue Tierarten entdeckt, die meist ohne Augen und Pigmente im Bauch der Erde leben. Bizarre Kreaturen, etwa Pseudoskorpione oder riesige Spinnen, hat Kohn selbst schon in Höhlen fotografiert – besonders bei Exkursionen in Asien.

Selbst die seit Jahrhunderten bekannten Schauhöhlen, die für Touristen geöffnet sind, bieten nach den Erfahrungen des Hobby-Forschers immer wieder Überraschungen. „Die Technik wird immer präziser, 3-D-Vermessungen liefern oft Anhaltspunkte“, erklärt er. Doch um tatsächlich neue Abzweigungen einer Höhle zu entdecken, ist Muskelkraft und höchste Konzentration gefordert: „Wir robben durch Schlamm und enge Gänge, das ist kein Spaß.“ Brenzlige Situationen bleiben nicht aus: „Wenn man sich verklemmt, muss man ruhig bleiben. Irgendeinen Weg suchen.“ Kohn ergänzt: „Manchmal dachte ich allerdings, ich schaffe das nicht.“

Für den hageren Höhlenforscher ist es wichtig, das Risiko genau zu kalkulieren. Extreme Abseilaktionen, wie sie die Gruppe des in der Riesending-Schachthöhle verunglückten Johann Westhauser leistete, für dessen Rettung aus rund 1000 Metern Tiefe mehrere hundert Helfer kämpften, sind nichts für Kohn. „Ich arbeite mich lieber in der Waagerechten voran“, sagt er und lacht.

Schwere Unglücke wie jetzt in Berchtesgaden seien allerdings selten, betont Kohn. Erfahrene Höhlenforscher können Verletzungen meist vermeiden, auch die weitere Erforschung der gigantischen Riesending-Höhle mit einer Länge von insgesamt 19,2 Kilometern und einer Tiefe von bis zu 1148 Metern erscheint laut Kohn nicht zu gefährlich. Dennoch könne ein Steinschlag nie ganz ausgeschlossen werden.

Meist sorgen Menschen, die auf eigene Faust Höhlen erkunden und sich dabei überschätzen, für Rettungseinsätze, berichtet Kohn. Daher geht es bei der Erschließung für die Öffentlichkeit vor allem darum, Gefahren zu minimieren. In Vietnam arbeitet Kohn dazu mit der örtlichen Tourismusbehörde zusammen. „Dort erforschen wir eine Vulkanhöhle mit gefrorener Lava, sie erscheint märchenhaft“, gerät er wieder ins Schwärmen. Für Kohn sind solche Erlebnisse die Triebfeder. „So lange ich körperlich fit bin, werde ich da hinabsteigen.“

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