zur Navigation springen

NeuES Programm : Stiftung beleuchtet SS-Terror

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

KZ-Häftlinge mussten an vielen Orten in Berlin und Brandenburg als Zwangsarbeiter schuften – wo genau, ist manchmal kaum bekannt

svz.de von
erstellt am 24.Okt.2014 | 11:42 Uhr

Tagelang mussten die Häftlinge auf dem Appellplatz mit schwerem Gepäck über verschiedene Bodenbeläge marschieren. Sie wurden für die deutsche Schuhproduktion auf der „Schuhprüfstrecke“ im Konzentrationslager Sachsenhausen geschunden. Viele überlebten das Strafkommando nicht. Später gab es Zwangsarbeit zunehmend in Rüstungs- und Industriebetrieben – und mehr als 100 Außenstellen des KZ entstanden vor allem in Berlin und Brandenburg. „Viele von ihnen sind im Stadtraum untergegangen, einige sind auch ganz verschwunden“, schildert Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.

Ein neues Lernprogramm soll die Erinnerung wach halten – ermöglicht hat es eine Privatspende. „Die Schuhprüfstrecke hat uns sehr berührt und beschäftigt“, schildert Dorothee Freudenberg. Die 62-Jährige gehört zu den Gesellschaftern des Unternehmens Freudenberg & Co aus dem baden-württembergischen Weinheim. Sie fühlt sich als Erbin verpflichtet. Die Firma war laut Stiftung eine von insgesamt 70, die in Sachsenhausen Häftlinge für sich arbeiten ließen. „Wir wussten das nicht. Es hat uns zutiefst erschreckt“, sagt Freudenberg. Erfahren habe sie davon durch das Buch „Schuh im Nationalsozialismus“, in dem Anne Sudrow – Mitarbeiterin des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam – unter anderem die Schuhfabrik und die Prüfstrecke in dem Lager thematisiert hat. Für Freudenberg und weitere Gesellschafter war dies Anlass für einen privaten Spendenaufruf. Rund 120 000 Euro seien in Projekte der Stiftung geflossen. Mithilfe der Gedenkstätte haben die Gesellschafter auch Kontakt aufgenommen zu fünf Überlebenden der Zwangsarbeit. Für die Firma waren die Erkenntnisse Anstoß, ihre Geschichte näher zu beleuchten. „Die Unternehmensgeschichte von den 1920er Jahren bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wird von einem unabhängigen, externen und renommierten Historiker untersucht“, berichtet Cornelia Buchta-Noack, Sprecherin der Freudenberg & Co.

Nach Angaben von Stiftungsdirektor Morsch sind die Gesellschafter von Freudenberg die einzigen der damals beteiligten Unternehmen, die sich bislang derart engagieren. „Es ist die größte private Spende, die wir nach meiner Erinnerung bekommen haben“, sagt er. Rund 50 000 Euro flossen in das neue Lernprogramm, die restliche Summe sei in ein Projekt des KZ Ravensbrück investiert worden. Unter dem Titel „Häftlingszwangsarbeit für die SS und die Privatwirtschaft“ werden in der Gedenkstätte Sachsenhausen 89 Außenlager und Außenkommandos aufgeführt – die meisten finden sich im Raum Berlin-Brandenburg. Durch Anklicken der Symbole lassen sich Informationen und Fotos zu den jeweiligen Stätten aufrufen. „Wir wollen die oft wenig bekannten und mitunter auch vergessenen Orte des SS-Terrors in Erinnerung rufen“, erklärt Stiftungsdirektor Morsch.

„Solche Projekte sind sehr wichtig“, betont Henry Schwarzbaum. Der heute 93-Jährige war vom KZ Auschwitz zur Zwangsarbeit in das Außenlager bei der Firma Siemens in Berlin-Haselhorst gebracht worden. „Die junge Gerneration weiß wenig über die Vergangenheit – aber sie ist interessiert“, berichtet er von Vorträgen als Zeitzeuge.

Zahlen belegen die Neugier: Mehr als eine halbe Million Menschen besuchten 2013 die Gedenkstätte Sachsenhausen. Häufig sind ausführliche Informationen gefragt: So gab es knapp 2700 Führungen und rund 350 Projekttage. Aber auch der Einzelne kann sich in den beiden Lernzentren mit jeweils 14 Computern umfassend informieren. Neben dem neuen Lernprogramm gibt es beispielsweise ein digitales Zeitzeugenarchiv und ein Totenbuch mit Namen der Häftlinge des KZ Sachsenhausen von 1936 bis 1945.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen