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Kunstwerke : Seit dem Krieg verschollen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Schlösserstiftung vermisst rund 6000 Kunstwerke / Hohenzollern-Erbe weltweit verstreut / Rückgaben sind selten

Der Mann Mitte 30 suchte keine große Bühne. Als er im März 2010 sein Auto im Park Sanssouci entlud, wollte er für ihn bedeutungslose Bilder loswerden – und anonym bleiben. Die Arbeiten hatte er angeblich bei einer Wohnungsauflösung gefunden. Vier Gemälde, darunter eine stillende Maria aus der Werkstatt von Rubens sowie ein Damenporträt des Hofmalers Antoine Pesne, kehrten nach Sanssouci zurück.

Nach der Rückgabe der seit 1945 verschollenen Kunstwerke war der Bilderbote für die Mitarbeiter der Schlösserstiftung nicht erreichbar, auf finanzielle Forderungen hatte er verzichtet. Einige Wochen später freilich meldete sich seine Lebensgefährtin und stellte die Herkunft klar: Die Bilder seien nicht gefunden, sondern von der Familie aufbewahrt worden. Sie hatte Ärger mit der Justiz befürchtet.

Mühsam rekonstruierte die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) den Weg des vermissten, wertvollen Inventars. So wohnte eine Großtante des jungen Paars bis 1945 im Schloss Rheinsberg, ihr Mann war dort als Verwalter tätig. Dort wurden die Gemälde zuletzt im Juli 1942 registriert. „Mit der Flucht vor den Russen verschwanden auch die Bilder“, sagt die Kustodin Alexandra Bauer.

Die Identifizierung war einfach: Auf der Rückseite trugen sie noch Inventaraufkleber aus preußischer Zeit. Einige Zeit nach der persönlichen Übergabe im Park Sanssouci durch den „Erben“ folgten weitere sechs Bilder, darunter drei des Rembrandt-Schülers Gerit Dou, die in einem Berliner Auktionshaus zur Begutachtung standen. Der Kunsthändler hatte die Stiftung eingeschaltet.

Die Vorsicht des Händlers ist kein Einzelfall: Immer wieder melden sich Auktionatoren, wenn ihnen Kunst angeboten wird, deren Herkunft unklar bleibt. Hinweise kommen auch von anderen Museen. Doch bis tatsächlich Kriegsverluste zurückgegeben werden, dauert es mitunter Jahre. „Es sind viele juristische Vereinbarungen zu treffen“, sagt Bauer.

So dauerte es auch einige Zeit, bis das Bild „Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers“ im Jahr 2012 den Weg zurück nach Potsdam fand. Die vom Preußenkönig Friedrich II. in Auftrag gegebene Kopie des Rubens-Gemäldes hatte ein sowjetischer Offizier nach Moskau verschleppt und dort verkauft. Die neuen Eigentümer wanderten in die USA aus. Dort wurde das Bild von den Nachfahren in einem kalifornischen Auktionshaus angeboten. Dieses schaltete schließlich das „Lost Art Register“ ein.

Der Schlösserdirektor der SPSG, Samuel Wittwer, reiste in die Vereinigten Staaten und konnte nachweisen, dass die Arbeit nach Sanssouci gehört. Eigentümer und US-Behörden überzeugte er von einer Rückführung. „Uns fehlen aus allen Sparten Gemälde“, sagt die Kunsthistorikerin Bauer. Oftmals lasse sich der Wert gar nicht beziffern, aber umso bedeutender sind die Arbeiten als Bestandteil der ehemals königlichen Sammlung. „Das ist ein Erbe der Hohenzollern, das jetzt überallhin verstreut wurde“, sagt sie. Fast 3500 Gemälde gelten als verschollen, allein die Hälfte der 180 Werke der Bildergalerie.

Zwar kehrten 1,5 Millionen erbeuteter Kunstwerke im Jahr 1958 in Eisenbahnwaggons in die DDR zurück – doch ein Großteil der Gemälde aus preußischem Besitz blieb verschollen. Ebenso würden rund 2500 Möbel, Schmuckarbeiten und Geschirrteile bis heute vermisst, sagte Wittwer. Seine Mitarbeiter haben vor einiger Zeit begonnen, auch für Kunsthandwerk einen Verlustkatalog zu erarbeiten. Im kommenden Jahr soll dieser präsentiert werden.

Immer wieder versucht die Schlösserstiftung, mit gut inszenierten Rückgaben auch andere zur Herausgabe zu animieren. Während jedoch zwischen 2004 und 2010 immerhin 25 Arbeiten in Sanssouci in Empfang genommen werden konnten, kehrte in den vergangenen Jahren nur eine Handvoll Kunstwerke zurück. Einen Überblick über sämtliche Rückgaben von Raubkunst existiert auch in Fachstellen nicht. Die Koordinierungsstelle „Lost Art“ in Magdeburg hat lediglich 470 Objekte erfasst, die an Institutionen in Deutschland zurückgegeben wurden.

Dabei muss fast 70 Jahre nach Kriegsende kein Besitzer der Raubkunst juristische Konsequenzen fürchten. Ein Diebstahl gilt als verjährt, in der Regel wird gutgläubiger Erwerb angenommen. Doch die Bereitschaft zur Rückgabe ist nach Auffassung von Wittwer auch deshalb gering, da es sich um hohe Werte handelt. Gelangen die Arbeiten auf den Kunstmarkt, muss die Stiftung wachsam sein. „Wenn die Werke erst bei öffentlichen Auktionen verkauft werden, haben Voreigentümer keinen Anspruch mehr“, kritisiert Witwer.

Zufallsfunde gibt es dennoch immer wieder: Jüngst wurden zwei Kronleuchter in zwei Schlössern auf der Krim entdeckt, die eigentlich ins Neue Palais gehören. Ob es zu einer Rückgabe nach Deutschland kommt, sei allerdings höchst fraglich, sagt Witwer.

Im September, so hofft der Schlösserdirektor, soll ein Gemälde aus Litauen nach Potsdam zurückkehren – verbunden mit einer kleinen Feier. Welches genau? „Es ist ein Schmuckstück, mehr darf ich noch nicht verraten“, sagt er.

 

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